gestell und ungestalt

Donnerstag, 03. September 2009

Kühle Brise. (GuU09)

Erstes Frühstück zu zweit (vier Spiegeleier, in Butter). Seit seiner Ankunft eine große Freude am Reden, überschwängliche Übungen am “lebenden Objekt” (der Arme!). Endlich! – Weniger die ungewohnten nahen Blicke, die vertrauten Gesten, seine wirkliche Mimik – nein, die unverhofften Fragen, Antworten, Widerreden ... – und erst der fremde Klang der eigenen gesprochenen Gedanken nach all den englischen Konversationen!

Spaziergang am frühen Nachmittag. Die “Villa Garden” nicht gefunden (unser Domizil für die freie Zeit, den Urlaub mit den Frauen), Efthalou verfehlt! Eine Hoffmann‘sche Abkürzung wird zum Umweg ("Dort unten müßte es liegen!"). Unglaublich, aber es war verschwunden oder doch noch sehr, sehr weit ... Gestromert, durch die Landschaft vagabundiert (zwei plaudernde Schafe auf einer Blumenwiese). Küstenstücke, nun im Frühling, die an Irland erinnern.

Zigarettenpause. Junger roter Mohn am Meer. Hellblauer, tuckernder Fischkutter nahe den Klippen. Kühle Brise.

Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt erscheint im September 09 bei etkbooks.

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Donnerstag, 27. August 2009

Wodka-Martini – bianco! – “Pfui Teufel!” (GuU08)

"Arcolian Nights”. So der Name der Band aus Mytilini. Das halbe Dorf ist dort und bleibt bis in die Morgenstunden. Begrüßungen: der schräge Vogel aus dem Kiosk, die Damen aus den Mini-Markets, die Blumenhändlerin, der junge Wirt. Fühle mich fremd wie ein Ethnologe. Snejanna, die alle Susana nennen, lächelnd und völlig überfordert hinter der Theke (ruppige Bestellungen der für diese Nacht engagierten Kellnerin, wenn sie mit ihren Zetteln von den Tischen kommt). Eine Touristen-Bar voll mit Eingeborenen.

Sie aber sitzt, den Kopf geneigt, in einem kurzärmeligen, weißen Kleid (das kurz über ihren glatten Knien liegt, sich in den Höhlungen darunter faltet) auf einem Barhocker auf der Bühne. Sie sieht auf und streicht sich im Scheinwerferlicht nervös ihr glattes, schwarzes Haar aus dem Gesicht (ein dünner, knochiger Unterarm kommt ins Bild, ein Händchen mit langen, kalten Fingern verdeckt für einen Moment das Profil ihrer griechischen Nase). Sie nimmt das Mikrophon in ihre linke Hand, blickt hinter sich, nickt dem Gitarristen zu und dreht sich wieder zurück (ihre Kollegen stimmen noch die Instrumente). Da sitzt sie, und wartet, einen Augenblick in stiller, gefrorener Schönheit ...
Dann beginnt sie zu singen. Beinahe zeitgleich verteilt sich klebrig im Mund der erste Schluck von Snejannas Wodka-Martini – bianco! – “Pfui Teufel!”

Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt erscheint im September 09 bei etkbooks.

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Donnerstag, 20. August 2009

ins gespaltene Schreiben. (GuU07)

Nachmittags einsam, müde, melancholisch, leicht depressiv. Ein Ich läßt sich gehen, sehr angenehm. Bewölkt, diesig, beinahe trüb. Es ist kühl, als käme der Herbst. Holgers Kassette auf der Terrasse gelauscht (ein Zettel im Cover: “Im Flugzeug einlegen und weitere Anweisungen abwarten. Natürlich nie befolgen. Gut zuhören. H.")
Ich friere, ich falle, ein Tagtraum beginnt:
Anne ruft mich an und wünscht sich, daß ich sofort zurück nach Aachen komme. Sie ziehe in zwei Wochen nach Oregon auf eine Farm und werde heiraten ...
“Bist du verrückt?”
Nein, ihr sei es ernst. Sie habe sich schrecklich verliebt und könne nicht anders.
“Dummer Scherz!”
Nein, es sei wahr. Ich solle bitte kommen. Sie wolle mich noch einmal sehen.
“Wer ist der Kerl, der dir das Hirn gefressen hat?”
“Paul.”
“Und was hat der Paul, daß du plötzlich Hühner züchten möchtest?”
“Paul Auster ...” Ich lache sie aus.
“Lach nur – aber bitte komm!”
“Wo hast du Paul Auster denn kennengelernt?”
“Nach einer Lesung in Aachen ... – ist doch egal! Komm!”
“Einen Scheißdreck werde ich tun, Frau Stabler!” (nun wütend)
“Bitte. Vielleicht sehen wir uns ...”
“Hör zu! Ich werde nicht kommen. Pack mein Zeug in Kartons und stell es in den Keller. Ich werde es mir dort abholen. Viel Glück in Oregon mit Paul Auster. Wir werden uns bestimmt wiedersehen ...”
“Nein! Bitte komm! Das mit der Wohnung ist nicht das Problem! Er zahlt sie weiter.”
“Mensch! Paul Auster ist aber reich!”
“Hör auf! Ich will dich wirklich noch einmal sehen ...”
“Verdammt, dann flieg nach Griechenland!”
("Bitte!" – “Nein!” – “Bitte!” – “Nein!"). Als ich den Sprung in der Platte bemerke, sehr spät, Abbruch.

Als gelänge der Traum an einen Horizont, als gerate sein Erzählen ins Stocken. Der Traum weitet sich, das Erzählen wird dünn und dünner, entläßt einen langsam aus seinem Bann. Man hört sich reden, man sieht sich gestikulieren (im Garten auf und ab gehen wie in einem zu kleinen Zimmer). Aus der Figur schlüpft der Schauspieler, der seinen Text vergessen hat. Der unsichtbare, anonyme Souffleur wurde langsam leiser, flüsterte nicht mehr, verstummte.  Man kehrt zurück, findet sich wieder auf einer leeren Bühne, als Zuschauer seiner selbst.
Und dann erinnert man die Tagträume plötzlich wieder als Figur desselben – nur ein kurzes, letztes kostbares Moment vor dem Fall in ein anderes, ins auch äußerliche:  ins gespaltene Schreiben.

Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt erscheint im September 09 bei etkbooks.

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Donnerstag, 13. August 2009

Schreiben aber, als wisse man, nicht zu wissen … (GuU06)

In der kalten Küche. Nach einem chimarrão Basteleien an der Struktur und die halbnüchterne Notiz: “Wenn Feininger und Staudenherz sich begegnen, ist einer immer schon tot. Und beide sind sie Zeuge des je anderen Todes, tote Zeugen des Todes.”
Das Leben ist rund – sie drehen sich im Kreis: auf einer unendlichen Linie der Wiederholung, der Grenze des Romans, der geschlossenen Fläche. Unmögliche Geschehnisse, die ohne “dennoch” geschehen. Das Unmögliche wird plausibilisiert, gewinnt “Realität”, “Natürlichkeit”, ereignet sich “plastisch” in Art und Weise des Gewöhnlichen. Der Leser bemerkt alles im letzten Augenblick. Staudenherz hängt tot im Palmenhaus und Feininger geht draußen wieder spazieren im Schönbrunner Park ... (der knirschende Kies!)
Zurück. Auf den zweiten Blick. Wieder schweben wir weit oben über dem 14. Bezirk, wieder verfolgen wir den einen, nun nicht mehr irgendeinen Regentropfen im Fall: Er schießt hinab in Richtung des schwarzen Regenschirms, prallt auf die gespannte Fläche, platzt, löst sich auf, verschwindet. Eine kleine Lache rinnt zum Riß, sickert langsam hindurch. Unsichtbar hängt an der Innenseite des Schirms ein Tropfen. Er schwebt über schütterem Haar, fällt auf die nun nicht mehr unbekannte Figur. Dieser Feininger nimmt wieder den defekten Schirm, entdeckt und untersucht das Leck und steht im Regen. Er flucht, ein vorwurfsvoller Blick nach oben. Er flüchtet zum Palmenhaus. Dort nun nicht mehr irgendeine Leiche auf einer Bahre, im schwarzen Plastiksack, auf den der Regen prasselt.
Das letzte Kapitel, mit dem wieder alles beginnt.
Zurück, nach vorne.
Dort ein Prolog, der alles beendet.
Strenge Klammer um ein ahnungsvolles Ganzes. List der Vernunft:  ein starres Gitter, ein Käfig um die Angst. Schreiben aber, als wisse man, nicht zu wissen ...

Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt erscheint im September 09 bei etkbooks.

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