Mittwoch, 19. Januar 2011

Nachdenken über Pappmaché (notula nova supplement XII)

Kleine Korrespondenz (Auszüge) mit Dirk Baecker zu einer systemtheoretisch anmutenden Variante von Produktionsästhetik und Interpretation.

hab
guten tag herr baecker,

ich habe ihren aufsatz gelesen und sehe dort erstaunliche parallelen mit der botschaft des puppenstücks ”Die Verfolgung und Ermordung Julian Paul Assanges, dargestellt durch die Puppentruppe des Hospizes zu Gutenberg”, was ich ihnen nur mal schnell mitteilen wollte.
(...)
viele grüsse aus bern
hartmut abendschein

d.b.
(...)
herrliches Stück! Aber Parallelen?
Besten Gruß
Dirk Baecker

hab
ich habe mal etwas frei assoziiert, vielleicht ist es auch etwas weit hergeholt, von parallelen zu sprechen?: assange (hier im tagesgeschäft zur allegorie des leakens unter post-gutenberg-bedingungen geronnen) als (in einem ewigen spiel) durchaus notwendige bzw. gegebene, aber austauschbare funktion zur systemreproduktion (von - renitenten - individuen (=anon), öffentlichkeiten (= die alten) und machtapparaten (hier abwesend, clandestin)). die allweb allstars als (netz-)öffentlichkeit neueren schlages, unfähig aber (ebenso wie anon) komplexität entsprechend zu reduzieren und künftig und jederzeit bereit, sich ein anderes “medium” des - je nach dem - heils bzw. der bedrohung zu suchen. inmitten des digital shifts also, die ewige wiederkehr des gleichen, anhand neuer bzw. alter protagonisten. (dazu die themen / motive: wasser, sand, löcher, rohre, die nicht kanalisieren können. die materialien: die puppen (aus papier,
pappmaché, alte dokumente bzw. dem “alten” speichermedium von information) vs. digitale devices und dispositive (screens, speicher, aufnahmegeräte), die sich in die szenen einschreiben ... o.k., zugegeben, ein sehr wildes gemengelage aus metaphern, konstellationen und materialien ...

(...)

d.b.
Sehr geehrter Herr Abendschein,

ahaa, ich beginne zu verstehen, ja, sehr frei (und ich vermisse mein Argument der “ewig gleichen” Politik), aber auch sehr anregend. Insbesondere über Pappmaché könnte man weiter nachdenken.

Mit den besten Grüßen und mit Dank für Ihre Überlegungen
(...)

hab
in der tat, sehr geehrter herr baecker, da sich auf der bühne / in diesem “stück” fast nur politikbeobachter und weniger handfeste politische akteure befinden, wird das argument der “ewig gleichen” politik (der ausschliesslichen arbeit an der aktualität und mit der androhung von gewalt) weniger durch das personal manifest. mit viel tiefenhermeneutischem goodwill könnte man davon vielleicht spuren im herstellungsakt der figuren durch eine “unsichtbare hand” ausmachen.
aber das wäre schon etwas gewollt ...
zur metaphorizität der pappmaché fiele spontan einiges ein. informations-/dokumentschnipsel (das alte material der archive), die mithilfe von wasser (fluidem, oralem?, digitalem?, kräfte flüchtiger beziehungen?) und bindemitteln (strukturgebendem, institutionellen kräften?) ehemaligen (informations)text samt medium zu etwas neuem (zunächst: einer pulpe ("pulp fiction")) aus altem verhelfen, das dann - nach gestaltung - zu einem objekt (monument, eine art kanonisierungsprozess) aushärtet und wiederum objekt und subjekt wird in der verhandlung der dinge. (...) (hätten sie etwas dagegen, dass ich ausschnitte dieser kleinen korrespondenz zum weiterdenken im blog brächte?)
(...)

d.b.
(...)
kein Problem, eine fruchtbare Spur!
Besten Gruß
Dirk Baecker

Weitere Spuren? Bemerkungen? Tbc.?

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