taberna kritika

Paare am Morgen IX

Das leichte Nieseln seit einer halben Stunde. Dann bemerkt er den plötzlich stärker werdenden, den plötzlichen Platzregen, wie er erst gegen das Dachfenster im Bad prasselt, dann hämmert, so dass trotz der Schräge vereinzelte Tropfen das Sims erreichen. Er schliesst das Fenster, blättert in dem griffbereiten Bauernregelkalender im Regal neben der Toilette und findet den heutigen Eintrag: Wenn’s Federbett im August zu heiss, trägt Honig die Biene aus der Heide mit Fleiss.

Er liest ihn ihr vor und verleiht seinen Zweifeln gegenüber solchen Aussagen Ausdruck. Sie zitiert eine alte Wetterregel aus ihrem Gedächtnis, nach der es nicht alle Wolken regnete, die am Himmel stünden.

pictura et poesis

Augen- und Hertzens-Lust

Pictura: Eine Frau befindet sich vor einem Altar, auf dem ein Kruzifix steht, worauf sie mit ihrer rechten Hand deutet, während sie mit ihrer linken auf eine Krone weist, die gemeinsam mit einem Zepter ebenfalls auf dem Altar liegt.

Motto: Zu forderst hör ich meinen Gott: | Hernach der Oberkeit geboth.

Kommentar: JSt ein Altar / auf welchem das Bildniß deß gecreutzigten HErrn Christi stehet / neben welchem eine Krone / mit einem Scepter / ligt. Dafür stehet ein sittsames demüthiges Weibsbild / und zeiget mit der rechten Hand / auf das Crucifix / und mit der lincken / auf die Krone. Womit angedeutet wird: daß ein Christ zu forderst dem jenigen nachkommen soll / was GOtt von ihm fodert; da benebst aber auch seiner Obrigkeit / als welche das Bild GOttes trägt / schuldige Lieb / Treu und Gehorsam erweisen.

aus einer grossartigen emblemdatenbank mit allem schnickschnack.

Dranmor II,4

(Brasilien)

Du wärst gerne nach Brasilien gegangen. Du hättest gerne einen der zwei Plätze in dem Austauschprogramm angenommen. Die Sprache hast du begonnen zu lernen, dich mit deiner möglichen Abwesenheit hier beschäftigt, dich gefragt, was wäre, wenn du woanders wärst, dir einen Platz suchen und finden könntest, um dich dort neu zu orientieren, eine Zäsur herbeizuführen, die nicht allzu schmerzhaft, die nicht mit allzu grossen Umständen zu bewältigen wäre.

Du hast vom Meer geträumt. Von der Freundlichkeit der Menschen, von einer friedlichen Koexistenz, von einer anderen Umgebung, die du erschliessen würdest – die du dir zurechtlegen würdest. Du wolltest deine kleinen Enttäuschungen beseitigen, dir nützlich sein, und das alles in einer gesicherten Struktur.

Diese Programm hätte dir all das ermöglicht. Du wärst finanziell abgesichert gewesen. Du wärst in ein soziales Umfeld geschickt worden, das es dir auf ganz einfache Weise ermöglicht hätte, ein Beziehungsnetz aufzubauen. Du hättest dich weiter um dein Studium, deine Arbeit kümmern können – wer weiss, vielleicht wärst du dort geblieben, hättest dir einen Freundeskreis aufgebaut, hättest dich wieder verliebt, hättest dich mit dem Klima abgefunden – du bevorzugtest eigentlich eher kühlere Regionen – und wärst dort glücklich geworden.

Du hast dich aber gehen lassen, verschleppen lassen. Du hast dich um nichts mehr gekümmert. Bist damals aus deiner Wohngemeinschaft ausgezogen, weil du nachdenken wolltest, wie du einmal gesagt hast. Du hast dir eine kleine Zweizimmerwohnung genommen, die schäbig war und die du kaum bezahlen konntest, die du für beinahe ein Jahr nicht mehr verlassen hast.

Du hast viele Dinge abgebrochen. Kontakte, die du geschätzt hast, einen Nebenjob, den du gemocht hast, stattdessen die Nachtschichten in der Druckerei, bei denen du mit niemandem sprechen musstest. War es das wert? War sie das wert? Du hast dir überlegt, die Stadt zu wechseln, sie über Nacht zu verlassen und anderswo ein kleines Leben zu führen, zunächst einmal. Dann hast du erfahren, dass sie weggegangen ist, nach Italien gezogen ist, nach Neapel, ihre abgöttisch verehrte Stadt. Dann hast du erfahren, dass sie sich dort verliebt hat, in einen ihrer Dozenten, dann hast du erfahren, dass Roman sich für einen Platz in Rio beworben hatte. Und in dieser ganzen Zeit warst du gelähmt und hast nichts gemacht.

Und du hast dieses und jenes gedacht. Und du hast über sie nachgedacht. Und du hast über ihn nachgedacht, über die beiden schliesslich, und was mit dir passiert sei. Was mit dir schiefgelaufen sei. Und dann hast du lange über dich nachgedacht, und dann noch länger gar nicht mehr.

An einer Offsetmaschine und in deiner Souterrainwohnung mit der schimmelnden Dusche und der stinkenden Küche. Bis zu deinem Unfall hast du in einer eisigen Verharrung gelebt.

Und in der Zwischenzeit sind sämtliche Termine verstrichen, und du hast Arbeiten nicht eingereicht, und du bist den anderen hinterhergehinkt, und Roman hat einen Platz in Rio bekommen, das hast du erfahren, denn er hat dich noch vor seiner Abreise um kleine Gefälligkeiten gebeten und du hast sie ihm in deiner Lähmung erfüllt. Und dann hat er dir Karten geschrieben. In immer längeren Abständen. Und du hast sie kaum gelesen, und geschrieben hast du ihm nie, denn du fandest seine Adresse nicht mehr. Vielleicht wolltest du sie auch nicht mehr finden. Auch von ihr hast du eine Karte bekommen. Wie glücklich sie jetzt sei. Und eigentlich hättest du nach Rio gehen sollen. Doch dazu warst du nicht in der Lage – damals. Der Strand. Die gnadenlose Sonne.

Paare am Morgen VIII

Er beobachtet sie im Spiegel, während sie die Zähne putzt, und überlegt. Er sieht immer mehr Menschen, die Selbstgespräche führen. Es sieht für ihn so aus, als würden immer mehr Menschen zu sich selbst sprechen. Er weiss nicht, ob sie etwas sagen, ob sie flüstern oder nur die Lippen bewegen. Ob ihre Rede Sinn macht oder ob es nur Laute ohne Ordnung sind. Sie richten ihre Rede an niemanden – ihre Worte fahren ins Leere.

Er weiss nicht, ob er das als Bedrohung oder gegeben nehmen soll. Er hat über diese Beobachtung noch mit niemandem gesprochen. Er würde wohl für verrückt gehalten werden, aber er denkt darüber nach, immer öfter, über diese Auffälligkeit und würde es bald äussern. Laut.