taberna kritika

Als der Winter

Als der Winter (Arbeitstitel)

Kleines schauerliches Herbstgedicht für Saha Morgenrot

Als der Winter in sein Schweigen

warf des Sommers Sonnenuhr,

warf er auch der Blumen Reigen

auf seine harte Schattenflur

Wie im Tanz letzter Libellen-

flügel sich im Licht der Tod verklärt

hat das Leben seine Stellen

wo es gerne grabwärts fährt

Dennoch ringt die Welt von gestern

zäh noch um ihr „Nicht-Hinab!“

will kein Lebend’ges sich verschwestern

mit dem Dunkel, mit dem Grab

Liebende

Zwischen Sternen haben sie ihr Haus erbaut

Luftig ruhn sie in den Zwischenräumen ihrer Seelen

Ein Ort, wo man noch auf Gott vertraut

und daß der Biß der Liebe nicht den Kehlen

gilt, wenn sie sich so gänzlich hingegeben

ihr schwaches Fleisch einander offenbaren

und sie zu weit vereint in diesem Schweben

allein sich halten und sich ihren Teil bewahren

Sie sind in diesem Raum für Stunden aufgehoben

Im Reich, wohin allein sie nur zu zweit gelangen

sind sie einander fest und eng verwoben

und teilen zärtlich ihrer beider Sterne Bangen

So ganz dem Andren und dessen Welt enthoben

ist ihrer Sterne Fall für eine Ewigkeit lang aufgeschoben

Naturgewalt

Hab‘ ich mir ein Haus gebaut

Dach mit Ziegeln schwer.

Hab‘ dann nach ‘nem Platz geschaut –

Fand: Ich stell’s an’s Meer.

Hab‘ ich drum ‘nen Deich gezogen –

Grub‘ mit Spaten schwer

Und des Meeres hohe Wogen

störten mich nicht mehr.

Legt‘ ich mir ein Gärtlein an –

Beet mit roten Rosen;

Und ich pflanzte Majoran

vor des Meeres Tosen.

Hab‘ mir dann ein Schaf gekauft –

Den Rosen zum Gesellen.

Habe es Karl-Heinz getauft:

Es mocht‘ des Meeres Wellen.

Fand: Nun fehlt mir noch ‘ne Frau –

Weib für’s Luderbette

Mit Meereswassers tiefem Blau

tauft’ ich es Anette.

Hab‘ mich auf den Deich gestellt,

alles zu besehen;

Schaf und Weib mir zugesellt-

Wie weich die Wellen gehen…

Schlief ich nachts dann friedlich ein,

sanft und wohlbehütet;

träumte schwer, schlief wie ein Stein,

Das Meer: es tobt‘ und wütet.

Wie ich morgens aufgewacht –

Gärtlein war voll Wasser.

Dach und Deich waren gekracht –

Ich wurde immer blasser.

Blickt‘ ich drauf zum Horizont,

wie die Lage wäre;

Wellen, turmhoch, ungewohnt,

gaben sich die Ehre.

Spülten mit ‘nem Lachen fort,

was zäh ich hatt‘ erschaffen.

Natur versteigt sich gern zu Mord –

sie hat gar schrecklich Waffen!

Bald darauf das Meer sich glättet –

Mein Werk sah wahrhaft übel aus.

Nur meine Haut, die ward gerettet –

Versunken blieb: Weib, Schaf und Haus.

An den Vesuv

(und auf die Frauen, und auf IHN, der alles so wunderbar erschaffen hat)

Bist du nicht der Frau vergleichbar,

die stolzen Haupts und unerreichbar

mühsam zu besteigen ist?

Hast nicht du – wie sie – ein Loch?

Schwarz und tief und schrecklich noch,

nur daß du mit Lava pißt!

Ach, wie gescheit, der beides schuf:

Schlucht der Frau, Berg des Vesuv

Loch, das zuckt und eruptiert,

Lava in die Landschaft schmiert:

Loch, das lockt und das empfängt,

das die Lava in sich lenkt!

GOTT, mein HERR, was bist DU groß

Schufst das Lotto und das Los

Schufst die Flechte und das Moos;

Schufst Vulkan und Weibesschoß

Tanzliedchen

Alles, was noch übrig ist

bleibt dir in der Gnadenfrist

Ist ein Stein, ein Baum, ein Haus

und ein Wurf noch, Spiel dann aus

Nur ein Tanz noch, zwei im Reigen

Licht geht an und an hebt Schweigen

Hüsteln im Orchestergraben

Stoff, der raschelt, Eile haben

Das Leben strebt zur Garderobe

das Leben, das gedacht als Probe

Und alles, was noch übrig bleibt

ist diese schwache Hand, die schreibt

Schreibt in ihrer Gnadenfrist

Von dem, was war, von dem, was ist