taberna kritika

Juli

3

Die Chroniken! Lauter letzte

Und keine eine Endung.

Wenn das Nicht-Ereignis uns verlässt

Fleht es um Zuwendung.

Überreicher Juli, so voll Vergangenem,

Mir entging das Gehen:

Blaue Libelle schwerelos auf dem

Schwarzen Wasser, mein Unverstehen.

(Michael Hamburger, Aus einem Tagebuch der Nicht-Ereignisse, S.111, 2004)

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Dranmor VII,3

(Perdita)

Perdita. Die Verlorene? Die Untergegangene? Das Heine-Motto des Mitleids als letzter Weihe der Liebe macht rasend. Die Kritiker haben zurecht bemerkt, dass nur die wenigsten Motti über Dranmors Gedichten Sinn machten. Sinn macht auch dieses Gedicht nur an wenigen Stellen. Als frühes Sprachkrisedokument vielleicht. Die formale Überschwenglichkeit, die sich nicht zu beschreiben zutraut, was das Herz fühlt, während sie ihre heisse Stirn kühlt – an der Fensterscheibe. Er ein Löwe, sie ein Reh, so passt das nicht zusammen. Im Rückblick ruft er Bleibe hier, sie, die wie er vorher bemerkte, ihm treu und blind liebt, sie, Glück und Leid für ihn. Er will ihr eine grüne Weide sein – sie, gebannt von seines Rosses Huf, die schlimme Welt sei schuld.

Dieser seltsame Mann, dieser Mann des Übergangs versteht nicht. Wie anders soll man ihn verstehen? Die Welt ohne Gnade, Mitleid und Verstand. Herzensgründe gegen Verstandesgründe. Ihre Bitten, ihre Thränen. Er, derjenige, der sich einfangen liess, heisse Stirn, ein gezähmter Leu. Es war ganz anders.

Armes, heimatloses Kind – nicht sie. Eine dranmorsche Projektion. Er war sie und sie war er. Späte Einsicht Bleibe hier und Gerne folgt er deiner Stimme.

Gastlich dann sein Haus und still, das leere dann. Braune Augen – schwere Perlen.

Nicht sie war die Betrogene, Verlassene, die wieder gnädig, räuig von ihm aufgenommen werden sollte. Er flog ihr entgegen, kindlich sein Ruf, bricht sich die Flügel an einer Fensterscheibe – treu und blind.

Für sein armes Kind zu sorgen / Das ist alles, was er will. Inzestuöse Väterinstinkte. Verkappte Inzucht.

Eines ist naheliegender: Die Selbstsorge. Die Sorge um sich selbst in der zweiten Generation. Sie trug ein Kind von ihm, vielleicht, und wollte sich selber durchschlagen – ein schwerer, mutiger Entschluss zu dieser Zeit. Sie hielt es nicht mehr mit ihm aus, mit seiner Jämmerlichkeit, und wollte das alleinige Sorgerecht. Er, nicht sie, treu und blind. Und schwer gekränkt. Für sein armes Kind zu sorgen. Doppelte Vaterschaft und gastlich sein Haus – doch still. Menschenmögliche Menschenpflicht? Ein Egoismus. Trauer um das wilde Reh, das er nicht zu zähmen vermochte, nun ins Gegegteil verklärt, verdrängt.

Sie hatte es irgendwie geschafft, irgendwo, ohne ihn – den seltsamen Mann. Den Mann des Übergangs.

Dranmor V,6

(Aus den Aufzeichnungen I)

1881

Es will uns scheinen, dass die Zeit gekommen war, wo sich alte Schäden nicht mehr übertünchen liessen, oder auch, dass man hie und da, schon aus Nachahmungssucht und durch freches Beispiel demoralisiert, die Gelegenheit nicht versäumte, um sich von lästig gewordenen Passivas auf wohlfeile Art loszukaufen … Denn die Lockspeise verwirrt, und der Stachel der Rivalität sitzt tief im Fleische … Auf dem Ziffernblatt der Weltuhr, deren Pendelschlägen Nationen und Individuen zu lauschen haben, rücken, dem innern Mechanismus gehorchend, die Zeiger nur langsam vor, machen aber oft capriciöse Sprünge, wenn man sie mit Gewalt zurückstellen will. Auch dann noch hat, was man im Menschendasein Jahre oder Jahrzehnte nennt, in dem Leben der Völker kaum den Werth einer Minute … In der deutschen Belletristik dämmerte allmählig die Ahnung auf, unser rauhes, materielles Jahrhundert sei einer objectiven Beurtheilung würdiger, als einer summarischen Verdammung, und man entdeckte, dass der Roman- und Novellenschreiber, ohne sich dabei etwas zu vergeben, sogar dem “Handel” eine phosphoreszierende Seite abgewinnen könnte. Seitdem haben sich gewandte, beliebte Federn mit neuen Stoffen beschäftigt, und so naiv, so kindlich sie dieselben behandelten, sie fanden ein dankbares Publikum … “So, meine Herren! nachdem ich Ihnen nun alles gezeigt: die Quellen des Lebens, die Keime des Todes – glauben Sie noch an die Existenz einer Seele?” “Ich glaube daran!” – Damit nahm er seinen Hut und lief weg … Das ist bedauerlich, und Niemand wird es uns “Eingewanderten” verargen, wenn uns gar zu subalterne Rollen nicht allzusehr gefallen. Dennoch, “in unseres Nichts durchbohrendem Gefühle”, können wir unseren tiefen Sympathien für das schöne Brasilien nicht verschweigen … Erträglicher wird das Heimweh, wenn ein freiwilliges Exil kein gänzliches Losreissen von angestammten Vorrechten, von bisherigen Lebensfäden bedingt … Vergessen wir nicht, dass wir es mit einer tropischen Constellation zu thun haben, deren Radien nach entgegengesetzten Polen hinstreben, nach productiven oder productionsfähigen Gegenden mit topographischen Abstufungen verschiedenartigster Gattung und Eigenthümlichkeit, innerlich ohne Wahlverwandtschaft, äusserlich nur durch ein immer lockerer werdendes Band zusammengehalten … Unsere Sprache mag unmelodisch sein; von Leidenschaft angehaucht, oder auf Täuschung angelegt, ist sie nicht. Was uns von Vernunft und Erfahrung zu Gebote steht, wir raffen es zusammen, um uns in keine Hallucinationen zu verlieren … Die Sklaverei ist ein Fluch, den uns vergangene Generationen überliefert haben, aber sie ist auch eine Anomalie, die nicht mehr fortbestehen kann … Wenn wir unserem bescheidenen Wochenblatte ein Verdienst zuschreiben, welches freilich auch manchen anderen Pressorganen gebührt, aber nichtsdestoweniger seine Bedeutung hat, so ist es dasjenige einer streng journalistischen Haltung … Verloren für sein Vaterland ist der Auswanderer, wohin er seine Schritte richte, es sei denn, dass er als “gemachter” Mann in späteren Jahren, und auf immer, wieder heimwärts kehre … Wie manche Existenz ist nach solchen Träumen im Elend untergegangen! … Durch die Legung des transatlantischen Kabels in 1874 hat das brasilianische Exportgeschäft zwar an Sicherheit gewonnen, weil es sich täglich Informationen frischesten Datums anlehnen kann, dagegen verlor es jenen Reiz des Geheimnisvollen und doch nicht immer Chimärischen, welchen es früher der Combinationsgabe des Speculanten bot … Das geschäftliche Leben des fremden Kaufmanns in unsern Hafenstädten ist ein harter Kampf mit stets wachsamer Rivalität, mit den Launen der Börse, wie mit den Beschwerden und Gefahren des Clima`s Zu diesen Widerwärtigkeiten gesellt sich der saure Beigeschmack des Exils … Schönes, in dem immergrünen Frühlingsgewande und mit dem funkelnden Sternen-Diademe wunderbar-schönes Brasilien! Ja, du bist gross, doch deine Grösse verdammt dich zu wechselvollen Geschicken; du bist voll innerer Kraft, doch wie vielen deiner Kinder fehlt das ungefälschte, lebenswarm durch die Adern rollende Blut! …

Minen. Asphalte.

Le Bonheur est dans les près, l’avenir dans les mines.

Die Reisegruppe ist heterogen und homogen zugleich. Der einzelne als kleinste Einheit des Betriebes, identisch mit sich selbst, unersetzlich, doch die Abteilungen könnten unterschiedlicher nicht sein und so findet keine Durchmengung, kein Austausch unter abteilungsfremden Kolleginnen und Kollegen statt. Sie waren alle an der kleinen Bedarfshaltestelle ausgestiegen und hatten einen Fussmarsch, den Hang hinauf unternommen – stehen jetzt vor einem Werk, kaum grösser als ein Bauernhaus mit der Aufschrift “Mines” über dem Haupteingang, daneben ein Bild wie ein Holzschnitt, der einen Tiefbauförderwagen, eine Lore zeigt. Sie können noch nicht hinein in den Empfangsraum, denn eine andere Gruppe hält diesen noch belegt. Einsetzender Nieselregen lässt sie die Schirme aufspannen, biesiger Wind droht diese umzustülpen. Grüppchen formieren sich und rücken noch dichter aneinander und man unterhält sich über das jüngste Verwaltungsratsprotokoll, das zu erwartende Mittagessen, das wohl in diesem kleinen Mehrzweckgebäude neben dem Mineneingang eingenommen werden würde. Ein zehnminütiges Warten. Der Gesprächsstoff wird dünn und Personen lösen sich aus den Trauben und mischen sich wieder hinzu. Der Veranstalterin, ein Mitglied der Personalkommission geht herum und verteilt Gutscheine. Wer ein vegetarisches Essen, wer dasjenige mit Schinken bestellt hätte? Die Verteilung geschieht reibungslos und tatsächlich gibt es keine Verwechslungen, noch sind es zuviel oder zu wenige Gutscheine. Der Museumsleiter erscheint am Eingang und bittet die Teilnehmer hereinzukommen und diejenigen, die grösseres Gepäck ablegen möchten, dies in die Regale am anderen Ende des Raumes zu räumen. Jeder erhält einen Helm. Ausrangierte Bauarbeiter- und Eishockeyhelme sind in den Regalen im nächsten Raum zu finden, auch seien zehn grosse Taschenlampen zu vergeben. Die Helme sind aufdringlich bunt, hässlich und sehen aus, als könnten sie nicht einmal einem kleinen Steinschlag Paroli bieten.

Die Reisegruppe deckt sich diszipliniert mit Helmen und Taschenlampen ein und wird in drei Untergruppen aufgeteilt. Die letzte Gruppe bekommt den Führer Willi zugeteilt und wird zunächst in einen Ausstellungsraum, in das “Musée des Mines” geleitet. Eine alte Form – die Reisegruppe. Der Versuch etwas zusammenzuhalten, was einmal wie selbstverständlich zusammengehörte, was immer seltener wurde, nun selten ist, eine Gruppe auszurichten auf denselben Deutungshorizont, Gemeinschaft derselben teleologischen Ausrichtung, Sinn- stiftungstruppe, die sich am anderen Ort zu bewähren hatte, sich dort vertiefen sollte, die sich gemeinsam nun an neuen Ideen orientieren und nach diesen gestalten sollte, sich geschmeidig den neuen, vieldiskutierten Modellen anpassen sollte. Man hatte es “strukturell” schon forciert. Doch keine verschworene Masse, die wie Pech verklumpte, verklebte und einen harten Kern bildete, dauerhaft und abweisend gegen ein zersetzendes Aussen, hat sich hier gebildet. Viele sprechen von Misstrauen, manche sehen gar eine mögliche, eine wahrscheinliche Stillegung. Das Minenmuseum. Besichtigungsstube junger Anachronismen. Das Aufzeigen des Zustands erschöpfter Ressourcen, eingefrorene Zeit, Nostalgie und Vitrine präflexibilisierter Welt. DER Zeitpunkt vor der Ablösung, der Substituierung des Materials, des Produkts, Schockzustand nach der Erkenntnis einer vollendeten Umwälzung. Etwas Neues passiert nun woanders. Die Mine, die Gruppe, ihr Gegenstand – ein Museum. Und das geahnte Wissen darum, schales Spurenelement. Wasserabweisend, wasserdicht könnte man sagen. Zäh, anschmiegsam, planier- und damit planbar. Hitze- und kältebeständig. Schwarzes Erdpech. Das Schuften im feuchten Dunkel. Nein, es komme einem nur so vor, es seien trockene acht Grad. Exakt elf Loren war die Tagespflicht. Gleichmässige Leistung bitumen- haltiger Gesteinsförderung – Wenn die Schwächeren das Soll nicht schafften, dann halfen ihnen die Stärkeren – die Solidarität unter den Minenarbeitern von Travers war gross. London, New York, Sidney. Grosse Namen, grosse Städte, Orte, die heute noch nachhaltig belegt sind – mit dem Asphalt der Traversmine. Alte und neue Photographien von legendären Brücken und Strassen, die immer noch besungen werden, hier am Anfang des Rundgangs, säumen den Gang zum Ausstellungsraum. Erste Station der Rundgangs. Archiv der Oberfläche. Minengeschichten. Erst die Goldphantasien, die sich wie Räuberpistolen anhören. Dann Enttäuschung. Dann ein ganz anderer Fund. Der griechische Arzt Eirini d’Eyrinys interessierte sich als erster dafür. Ein medizinischer Forschungsgegenstand. Suchard, der Schokoladenkönig, wurde im wortwörtlichen Sinne zum ersten Förderer – der Verwendungszweck, die Absatz-, die Marktchancen wurden schnell klar. Bis heute noch: Logistik und Gesundheit. Vermutlich wurden der Turm zu Babel und die Arche Noah mit Hilfe von Asphalt gebaut; bekannt ist das Material seit 3000 Jahren: Zur Mumifizierung wurde unter anderem Bitumen verwendet. Mit Asphalt wurden früher die Fugen der Galeeren abgedichtet; das elastische Material wird zum Bauen von Brücken benötigt und ist bis heute Bestandteil von Medikamenten. Asphalt: heute und morgen – auf einer anderen Tafel. Von 1712 bis 1986 wurde hier Asphalt abgebaut. 100 Kilometer Stollen wurden gegraben, danach wurde es still unter der Erde. Keine Sprengung erschütterte mehr den Boden, die Stimmen der Minenarbeiter verstummten; ebenso das Geratter der Loren und das Klappern der Hufe der Pferde, die die schwere Last zum Ausgang brachten. Das Glück ist auf den Wiesen, die Zukunft in den Minen. Orientierung. Lichtkegelballett. Dunkles Staunen nach der Schliessung des Eisentores mit den zwei grossen Flügeln. Die mannshohen Turbinen waren vor allem dazu da, die Luftfeuchtigkeit zu regeln und den Stollen mit ausreichend Atemluft zu versorgen. Sie sind rostig, so viel ist zu erkennen und sie werden seit elf Jahren nur noch zu Demonstrationszwecken bedient. Die Gruppe soll zusammenbleiben, den Anordnungen des Führungspersonals ist Folge zu leisten. Ein dünner, feuchter Gang, Gänsemarsch, immer wieder Nischen, Erklärungen dazu, Informationsfetzen und kleine Anekdoten. In den letzten hundertzwanzig Jahren seien hier unten nur zwei Arbeiter gestorben. Details. Sicher, es gab einige Verletzte. Aber nur zwei Tote. Sicher, jeder Tote ist einer zuviel, aber im Verhältnis zu anderen Unternehmungen dieser Grössenordnung sei das extrem wenig. Auf Sicherheit habe man sehr viel wert gelegt.

Grotten, illuminiert. Blaueblumen- romantik. Einer rutscht auf einer engen Eisenleiter aus. Ein kleiner Schrei. Ein “Vorsicht!”. Es ist nichts passiert, aber man sollte nichts hier unterschätzen. Eine weitere Nische, darin ein ausrangierter Dinosaurier. Ein nun fahruntüchtiges Zeug mit riesigen Rädern. Fünf Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit konnte es erreichen, aber was sollte es auch hier unten rasen? Es bewegt sich nicht mehr, aber es schwitzt im Licht der Lampen. Ein Grubenhund.

Eine leicht Migräne. Die dünne Luft? Die Tiefe im Berg? Die Enge? Kaum ein Geräusch ist zu hören, nur die Fusstritte – feste Tritte, die Halt suchen und auf Nummer sicher gehen. Und wieder ein Anhalten und eine Erzählung. In einer saalähnlichen Höhle steht eine Skulptur. Ein schwarzer Quader, ein Würfel der Grösse einer kleinen Garage mit gleichmässig vernarbter Haut – im Schräglicht, von unten angestrahlt. Er dient zur Vorstellung und Versinnlichung der Asphaltfördermenge eines Arbeiters eines Tages. Ein Erratischer Block, sagt jemand.

Flöze, Stollen, man zeige heute nur weniger als ein Prozent der tatsächlich angelegten Gänge und Abbauareale. Eine Strecke von einem Kilometer. Ein verwirrendes System, wie das Relief eines sichtbaren Borkenkäferbefalls unter einer Rinde, so könne man es sich vielleicht vorstellen – und dies räumlich in die Tiefe. Einer photographiert die ganze Zeit, als könne man diese Enge, diese Farben und Schatten, den Geruch mit nach Hause tragen. Es ist frisch hier unten. Immer wieder berühren die Hände die feuchten Wände. Dieser Asphaltstein sei nur die Vorstufe. Nichtorganische Masse, aber organischer scheinend als harter Stein, Kalk, wenn es verarbeitet würde. Flexibles Grau, das in sechseckige Klötze gegossen wurde, geeignet um weithin transportiert zu werden. Heute omnipräsent und deswegen kaum wahrgenommen. Aus einem grossen Ganzen gesprengt und klein gebrochen, auf vielen Schaufeln gelandet und durch viele Hände gegangen.

Arbeitsreiches, geschundenes Leben. Schwarze Gesichter, die Familien ernährten, zeigen die Photos an der Wand in jener Nische. Auf einem anderen – der Höhepunkt des Jahres: Ein Betriebsausflug mit den Familien ins nächstgelegene Tal. Freundliche, müde Gesichter mit Weingläsern in der Hand. Eine verschworene Gemeinschaft. Die strengrationierten Fördermengen garantierten Preisstabilität und Sicherheit. Ein blinder Spiegel für die einzelnen Betrachter der Bilder. Das schwere Leben, denkt man unwillkürlich. Sicher ein schwereres als man es sich heute vorstellen kann, und trotzdem die Ahnung der Stimmigkeit dieses Lebens und die Ahnung des baldigen Verlustes dieser Stimmigkeit mit noch nicht absehbaren Folgen.

Auf einem anderen Bild möchte ein Sprengmeister etwas sagen. Alle anderen reihen sich um ihn und schauen gebannt auf seine Lippen. Man weiss nicht, was er sagen wird, was er gesagt hat, aber man ahnt es. Der Film. Im Stollen, in einer Stollennische ist eine kleine Leinwand aufgespannt. Die Stablampen der Gruppe verlöschen wie automatisch, die Daumen aller Lampenträger ertasten die Knöpfe, drücken sie und das Restlicht geht verloren. Die Augen fokussieren, richten sich auf einen Stummfilm in Schwarzweiss ein. Er zeigt einen Arbeiter untertage. Er lehnt, leger die Beine überkreuzt, an einer Maschine und blickt selbstbewusst in die Kamera. Seine eineinhalbstündige Frühstückspause hat gerade eben begonnen. Er schaut prüfend auf seine Finger, versucht mit einem Fingernagel der rechten Hand einen Fingernagel der Linken zu reinigen. Noch ein prüfender Blick. Er greift in seine Brusttasche und kramt eine Zigarettenschachtel hervor, zieht eine Zigarette heraus, zündet sie sich an und atmet aus. Wieder blickt er in die Kamera. Inhaliert tief. Der Führer erklärt, dass – wie alle Aufnahmen untertage und in dieser Zeit – unter anderem mit Hilfe von Brennschnüren, die den Trakt einigermassen erleuchten konnten, auch diese unter erschwerten Bedingungen stattfand.

Vielleicht blickt der immer noch entspannt, ja genüsslich rauchende Arbeiter deswegen so nachdrücklich in die Kamera. Er hat sich immer noch nicht bewegt; nun schiebt er seine Schildmütze in den Nacken. Man kann jetzt deutlich seine schmutzige Stirn erkennen.

Der Führer erklärt, dass dies ein Ausschnitt eines Films sei, den man später noch sehen werde. Dieser dauere genau neun Minuten. Üblicherweise werde er den Schulklassen vorenthalten, weil es Beschwerden von der Lehrerschaft gab, die meinte, ein Nichtrauchen wäre wohl schwerlich zu vermitteln, wenn hier dieser Akt so betont zelebriert würde. Nun würde der Filmausschnitt nur noch Erwachsenengruppen gezeigt werden.

Der Arbeiter, der Raucher blickt immer noch stolz in die Kamera, als fixiere er sein Publikum, dann lässt er seine Kippe zu Boden fallen und tritt sie bedächtig aus. Eine Schleife. Der Film beginnt von vorne. Die gedämpfte Tunnelbeleuchtung schaltet sich auf Knopfdruck der Fernbedienung wieder an und man wird gebeten dem Begleiter bis zum nächsten Stollen zu folgen. Stollensicherungs- massnahmen. Stützbalkentechniken. Die Verankerungen im Stein wie prähistorische Muster. Perfektionierte Maserungen. Die Holzbalken wurden früher noch aus den Wäldern mit Pferden bis hier herunter geschleppt. Dann: Trax und Eisenbahn statt Pferde und Mulden. Mit den Balken stand und fiel das Unterfangen. Wurde hier geschlampt, würde das einer ganzen Mannschaft das Leben kosten. Es sei gottseidank nie etwas passiert. Sie wurden regelmässig überprüft und ausgewechselt. Die ständigen Verankerungen an der Stollendecke, auf dem Boden und in den Seitenwänden liessen eine problemlose Auswechslung zu. Die Verkeilung – alles andere als ein Kinderpiel, aber eine aufs Praktische ausgerichtete Tätigkeit, die somit nicht mehr die grösste Mühe machte.

Es wird in die Ferne geleuchtet, man vermutet eine Kurve. Aus diesem Winkel entsteht der Eindruck einer Balkenpassage, ein Raum aus symmetrischen Strebungen, der den Eindruck eines holzgetäfelten Wohnzimmers vermittelt. Fast ein Gefühl der Gemütlichkeit, aber ein schlichter Produktionsort. Diese Mine, viele Minen seien nun als Stätte der Produktion überholt, zerstört, neuen Abbautechniken gewichen. Dienen wie diese hier nur noch der Erinnerung. Ihr Produktionsgegenstand, der Asphalt, immer noch genutzt, unübertroffen und notwendig, doch es gäbe andere Verfahrensweisen, andere, auch chemische Möglichkeiten der Gewinnung. Substitution. Der Rundgang wende sich seinem Ende zu, wird angedeutet. Ein paar persönliche, ein paar touristisch-kitschige Orte und Bemerkungen. Hier, zur Linken, eine Reihe von Buchten, kaum grösser als ein paar Schuhkartons, auf Kopfhöhe ausgeleuchtet und mit allerlei Nippes gefüllt. Eine Kunstfigur, nicht weiter erklärt, ein Hinweis auf die Gesamtfördermenge der Mine, ein kleines Plakat mit Eckdaten, wieder Bilder mit Arbeitern darauf, eine heilige Barbara, Schutzpatronin der Mineure, schwebend in rötlichem Licht. Was diese antikisierte Vase bedeute? Vielleicht ein Anspielung auf den griechischen Entdecker dieses Ortes. Oder ein allegorisches Requisit der heiligen Barbara? Ein Wiedererkennen: In naher Ferne sind die Eingangstore zu sehen, doch man solle noch nicht auf sie zustürmen. Dort, auf der rechten Seite sei noch eine Kammer eingerichtet. Die Gruppe betritt sie. Ein altertümlicher Photoapparat, aber man vermutet dahinter eine moderne Linse. Wahrscheinlich eine Digitalkamera. Gerichtet auf einen wieder vollausgeleuchteten Grubenhund. Man solle nun davor posieren. Dem einen oder anderen werden noch eine Hacke, eine Schaufel, eine Art überdimensionale Mistgabel an die Hand gegeben. Nur zur Dekoration – bitte lächeln. Man könne sich die Aufnahmen in der kleinen Hütte gleich neben dem Stolleneingang ansehen und auswählen, wenn man dies wollte. Die Bilder würden sehr schnell reproduziert sein. Auch würde dort ein kleiner Aperitif warten. Dreissig kleine Plastikbecher auf einem Tablett auf einem Holztisch. Der Absinth sei stark, enthalte beinahe fünfzig Prozent Alkohol. Wer wolle, dürfe sich ein Gläschen nehmen. Man empfehle es mit einem Schluck Wasser aufzuschwemmen. Hier stehe eine Kanne kristallklares Bergwasser. Einige kosten. Das Anisgetränk würde gleich hier im Val-de-Travers hergestellt werden. Seit seiner offiziellen Legalisierung erfreue es sich wieder starker Nachfrage. Gleich nebenan im Souvenirgeschäft seien auch verschiedene Flaschengrössen erhältlich. Man möge aber auch ruhig einmal einen Blick auf den Monitor riskieren, auf dem die eben geschossenen Gruppenbilder abgespielt werden. Einfach die Nummer merken und ein Exemplar hier an der Kasse bestellen. Das Essen würde in einer Viertelstunde serviert werden. Die gedämpften Gespräche setzen sich fort. Einige schauen sich mit ihrem Glas in der Hand die Photoserie an, können sich aber nicht zu einer Bestellung durchringen. Einige andere gehen in den Souvenirshop, kaufen sich eben bestaunte Bilder mit schwitzenden Arbeitern an einer Lore im Postkartenformat. Und eine kleine Flasche Absinth als Mitbringsel. Der Rest geht durch einen Gang in eine grosse, rustikale Halle. Kein Zweifel, hier würden hundert bis hundertzwanzig Personen problemlos gespeist werden können.

Die langen Tischreihen füllen sich. Die Tische sind schon gedeckt. Man setzt sich an die Tische, wie man als Gruppe kam, als Abteilung, hier der Einkauf, dort die Personaler, dort drüben der Mittelbau. Es wird vereinzelt Rotwein bestellt, der sei im Preis aber nicht inbegriffen.

Fünf Bedienungen betreten gleichzeitig den Raum, in den zwei Händen drei Teller des vegetarischen Essens, eilen sie durch die Reihen. Neugierige Blicke. Die meisten hatten den Mineurschinken bestellt, und müssen nun noch etwas warten. Der Schinken, eingewickelt in sieben Lagen Pergamentpapier, sei vier Stunden in einhundertachzig Grad heissem Asphalt gegart worden, früher das Festessen der Mineure. Nun wird es gebracht, als die erste Tranche der Esser schon beinahe fertig ist. Eine kleine Enttäuschung. Nur drei kleine Schinkenstücke mit etwas Kartoffelgratin und Salat – manche hatten wohl eine Asphaltform im Sinne, die aufgetischt würde.

Man solle sich etwas beeilen. Der Zug würde in fünfundzwanzig Minuten abfahren und der nächste ginge erst wieder in zwei Stunden. Dann würde die Wanderung durch die Areuseschlucht von Noiraigue bis zum Champ-du-Moulin flachfallen.  Nur die besonders schnellen Esser kommen noch bei einem Nachschlag zum Zuge. Viele Rotweinflaschen bleiben halb geleert zurück.

Paare am Morgen IX

Das leichte Nieseln seit einer halben Stunde. Dann bemerkt er den plötzlich stärker werdenden, den plötzlichen Platzregen, wie er erst gegen das Dachfenster im Bad prasselt, dann hämmert, so dass trotz der Schräge vereinzelte Tropfen das Sims erreichen. Er schliesst das Fenster, blättert in dem griffbereiten Bauernregelkalender im Regal neben der Toilette und findet den heutigen Eintrag: Wenn’s Federbett im August zu heiss, trägt Honig die Biene aus der Heide mit Fleiss.

Er liest ihn ihr vor und verleiht seinen Zweifeln gegenüber solchen Aussagen Ausdruck. Sie zitiert eine alte Wetterregel aus ihrem Gedächtnis, nach der es nicht alle Wolken regnete, die am Himmel stünden.