taberna kritika

Dranmor V,3

(Auf dem Verdeck)

Der Letzte, der Ach! sagt, macht die Türe zu

Erster Traum. Roman, Vetter, Fernando und ich sitzen an einem Tisch in einem dunklen Raum. Grüner Filz, darüber ein schwummriges Licht. Wir spielen Karten. Der Dichter braucht Liebe, die Liebe ist Mitleid und keine künstliche Heizung seiner glühenden Leidenschaft25, sagt Vetter, Dranmor rezitiert: Nachts auf dem Verdeck

Wild die See, der Himmel dicht verhängt –

Wohl! es ziehe hin zu dir die Kunde

Dessen, was in dieser trüben Stunde

Sich vor meine müde Seele drängt:

All mein Denken ist ein tiefes Schmerzen,

Und ich glaube nicht an bess`re Tage

Denn ich trage,

Trage einen bösen Pfeil im Herzen.

Und ich fühle, das verwirkt mein Heil,

Dass kein liebes Wort aus Freundes Munde

Mich belebt in meines Herzens Grunde,

Mich vergessen lässt den Todespfeil,

Der sein schlimmes Werk noch nicht vollendet,

Weil ein Antlitz, ein verklärtes, reines,

Ach!* weil deines,

Weil ein Engel sich zu mir gewendet

/d162

Die Krone Dranmorscher Stimmungsmalerei28, darauf Roman, und ich weiss nicht, ob er das ironisch meint, sage Ach!*, spiele das Herz As aus, nehme den Stich an mich und zähle zusammen. Fernando und ich haben einige Punkte mehr, haben das Spiel gemacht. Ich wache auf.

Ich erinnere mich an Engel mit Pfeilen in der Brust, an vage Bilderhaufen, Erklärungsversuche, Unsicherheiten der Deutung.

[Dieser Traum hat nichts zu bedeuten.“>

Dranmor IV,2

(Der Unbelehrbare)

[Mit welchem Aerger sah ich weit und breit / Den gleichen Staub an unsern Sohlen haften! Ewige Wiederkunft. Ewiges Wiedersehen, die Freude darauf und dann die Langeweile, schnell verloschenes, verblichenes Interesse, Movens erst, die Erinnerung dann an das Gleiche. Wurde erst einmal ein Gefühl, ein Bild, eine vermeintlich neue Erkenntnis, ordentlich analysiert, rubriziert und mit vorhandenen Erfahrungen abgeglichen, als alter Wein in neuen Schläuchen erkannt und abgetan, das Ende des Rausches dann, ein Kater des neuen ALTEN, ein erinnertes altes Laken, darunter eine Matraze mit Flöhen, Staub, fahler Geruch. DAS schwebt mir vor bei Spleen, als finales Erkennen und doch Zweifel daran, ob es so gemeint war. Langweilig aber fand ich’s überall, ein schöner Satz und trotzdem Zweifel ob D wirklich ernst zunehmen war, Trotz heitrer Frauen, schäumender Pokale Langeweile zu beklagen, und diese doch immer wieder zu suchen, Erkenntnis eines Unbelehrbaren, wertlos, aber vielleicht war es ja DAS“>

Dranmor III,4

(Ex humo)

[Einen Dichter exhumieren. Ausgraben. Einen grossen Spaten nehmen. Eine geeignete Stelle finden und sie markieren. Ein kleines Rund freilegen vom Gras, das Graswurzelwerk untersuchen, war da schon jemand? Einen ersten Stich machen – Probebohrung. Einen Zweiten, ins feuchte Erdreich. Der Körper erhitzt sich und sucht einen Rhythmus, bald Zentimeter unter der Erde, bald einen halben Meter, das Loch wird grösser, weitet sich, franst an den Rändern aus. Neben dem Loch entsteht ein Haufen, ein kleiner Berg. Erde, Lebewesen, Schutt und Abfall vergangener Tage. Wurzeln, Papierfetzen, Hausrat. Dann Zweifel. Ist das die richtige Stelle? Oder vielleicht wenige Meter daneben. Keine Karte, keine Spur vorhanden ausser einem Verdacht, einem vagen Hinweis – das geht durch den Kopf, während der Grabung. Die Blicke. Beobachtet da jemand? Möchte da jemand den Eingriff untersagen. Mit einem Lachen demoralisieren. Nach einem Meter vielleicht auf eine Stelle deuten, wo schon einmal gegraben wurde, wo man fündig wurde, nicht viel wurde da gefunden, aber immerhin, Beweis genug, dass diese Stelle falsch sei. Unterbrechungen. Eine kleine Mahlzeit und viel Wasser. Immer wieder Wasser. Das Wetter droht umzuschlagen, zeichnet Wolken am Himmel. Woher diese Energie? Woher der Wunsch, Traum, die Überzeugung. Der Spaten gewinnt an Gewicht, die Beine, die Stiefel und dicke, dunkle Schollen daran. An den Ränder muss nachgehoben werden, um nicht eine umgekehrte Pyramide, einen spitzen Quader in den Boden zu hauen, um an Tiefe zu gewinnen, ein sauberes Relief zu feilen, ein Gesicht, eine Nase ins Vergangene zu stecken. Und dann kurz vor der Aufgabe, dem letzten Quantum Zweifel, den sie bewirkt hätte auf etwas hartes stossen. Ungläubig an Wurzeln, Hausrat, Holz denkend, eine andere Symmetrie freilegen. Bögen – einen Brustkorb, einen Schädel. Skelett.

Triumpf. Ein Fund. Lohn der Anstrengung. Ein Etwas, das sein könnte, was man sucht, was immer man suchte. Dann wieder Zweifel. Die Möglichkeit etwas anderes gefunden zu haben, was man gesucht hatte, etwas völlig Unbedeutendes, etwas Unwahrscheinliches. Waren zweieinhalb Meter genug? Was kann ein Gerippe bedeuten? Ein Gerippe, und sonst nichts.“>

Dranmor III,2

(Banal)

Vielleicht war es dieser seltsame Lebenslauf, der faszinierte, vielleicht aber auch nur die Tatsache, dass sonst nichts über ihn zu finden war, vielleicht jene seltsame Lyrik, nicht Fisch nicht Fleisch, nicht Goethe, nicht Rilke und doch ein bisschen von allem und jedem. Ich kannte ihn nicht und doch wollte ich ihn lesen, ihn verstehen, mich in ihn versenken, ihn erinnern, mich in ihn hineinschreiben.

Fernando nannte er sich auch, er romantisierte gerne, auch seinen Namen. Vetter, mein kenntnisreicher Zeitzeuge lässt keine Details aus. Seine Sprachfeier ist einmalig, er skizziert sein Leben bis zum Unvermeidlichen Ende. Bis zur Ermüdung, die Folge eines vierzigjährigen Lebenskampfes unter der tropischen Sonne und des fast noch schwereren Kampfes zwischen der Doppelnatur des Geschäftsmannes und des Dichters, kämpft jener Vetter selbst mit seiner Feder, habe ich den Eindruck, um die Eindrücklichkeit Dranmors nur halbwegs zu unterstreichen.

Dichtertode interessieren mich eigentlich noch mehr als tote Dichter. Vielleicht hab ich deswegen den Vetterschen Sermon so lange ausgehalten, und natürlich die Frage, warum sich ein Exildeutscher Schweizer im österreich-ungarischen Auftrag mit hinter solch einem seltsamen Namen versteckt, oder sich damit interessant machen will, oder sich damit wiederum in eine bestimmte Nähe zu anderen, schon länger Toten bringen möchte. Vielleicht bin ich einem langweiligen Geheimnis auf der Spur, das sich alsbald aufs banalste lüften würde.

Dranmor II,3

(Vita brevis)

[Ohne auch nur eine Zeile von ihm zu kennen, der Blick auf sein Bild, stolz, herrisch blickt er da, die Haare ins Übliche der Zeit frisiert, wäre es kein Stich, sondern ein Portrait in Farbe, man würde bestimmt dunkle Augenringe an ihm vermuten, auch ein skeptischer Blick, ein verzweifelter aus dem doch ins feiste gehende Gesicht, ein kräftiger Hals im gestärkten Kragen, ein Zweireiher, ein sauberes Hemd, eine Binde, ein Oberlippenbart. Eine Unterschrift. Dranmor. Ein Kringel am D. Viele bögen, nach rechts ausgerichtet. dann, unvermutet, ein Strich nach dem R, wie ein Blitz nach links unten, ein ungezückter Säbel.“>

Der Dichtungenband von 1873 liegt vor mir, alt, verstaubt, mehrfach umgebunden, ich zögere ihn zu öffnen, so fragil scheint er, ein Kopieren ausgeschlossen, ein Werk würde vernichtet, entbunden, ein Loseblattwerk würde entstehen. Auf der ersten Seite, ein Schenkungsvermerk, schwer lesbar, möglichicherweise die Handschrift Dranmors, ich entziffere mühsam Geschenkt der Fa. Hr. Ruetschi, Bern, vielleicht aber auch ein Geschenk eines Herrn Ruetschi an die Bibliothek oder jemand ganz Anderem – wer kann das noch rekonstruieren? Die Dichtkunst ist eine lange Liebe dann unter dem Titel, ein Jean Paul Zitat, auf der nächsten Seite ein Montaigne-Zitat auf Französisch. Sympathisch, eigentlich, mein erster Gedanke, aber schnell verwischt, nach der Durchsicht der folgenden Seiten und der Feststellung, dass vor jedes Poem ein Zitat kanonischer Grössen vorangestellt wurde. Einschreibungsversuche also, grosser Respekt also, Zeichen der eigenen Verunsicherung, eigene Erkenntnis eines Sinnstiftungsdefizits, sein Beinahezeitgenosse T.S. Eliot hatte ganz recht …

Wo Anfangen? Mit dem Anfang? Dem Inhaltsverzeichnis? Nach Zufallsprinzip? Das Buch öffnet sich, möglicherweise ein Effekt der mangelhaften Bindung auf Seite 111. Das zwanzigste Poem mit dem Titel Don Juan: Einer albernen Fabel / Opferte dich, den Helden / Spanischer Minne, / Deutsche Klatschbaserei; / „Tausendunddrei“, / Sagen die Frommen achselzuckend, / …

Ich unterbreche hier. Ich denke, dass ich vielleicht doch einen systematischen Zugang wählen sollte, denke wieder an Vetter, durch den mein eigentliches Interesse an Dranmor gewachsen ist. Meine morgendliche Lyrikmail enthielt ein Gedicht von Dranmor, und wie immer recherchierte ich ein bisschen nach, fand hierzu erstaunlicherweise nur wenig, einen Aufsatz von ebenjenem Ferdinand Vetter. Das war gestern. Ich fand ihn bei der kursorischen Lektüre eines Sammelbandes von Berner Rezensionen des vorletzten Jahrhunderts. Zeit ist vergangen, ich habe mich hineinfallen lassen, in dieses Jahrhundert, in dieses alte Papier, die Sprache, und weiss nicht, noch nicht, was ich damit anfangen kann oder will, habe mich hineingefressen in Dranmor und seinen Biographen und stehe noch ganz am Anfang.

Bei einer weiteren Recherche stiess ich auf einen grösseren Eintrag, wieder jenes Gedicht:

Wiedersehn, dich wiedersehn?

So bin ich versucht zu fragen,

Wenn an schwülen Nachmittagen

Böse Geister auferstehn;

Wenn Erinnerung mich stört,

Die von dir nicht abzulenken,

Zauberin! wenn all mein Denken,

All mein Wünschen dir gehört;

Bis des jungen Tages Kuß

Mich vergessen läßt die deinen,

Daß ich, statt um dich zu weinen,

Unsre Trennung segnen muß.

Ist das Schlimmste jetzt vorbei,

Ach, nur wenig atm’ ich freier!

Mit dem Gürtel, mit dem Schleier

Reißt nicht jeder Wahn entzwei.

Weiß nicht, wie dies alles kam,

Daß du so mich überwunden;

Doch es waren gute Stunden

Und ich bin dir nimmer gram.

Denn mich reut nicht, was geschehn;

Aber soll mir’s je gelingen,

Ganz von dir mich loszuringen,

Darf ich nie dich wiedersehn.

Dranmor (1823-1888)

Darunter eine kleine Vita zum Autor: D., eigentlich Ludwig Ferdinand Schmid, geb. am 22.Juli 1823 in Muri bei Bern als Sohn eines Bankiers, 1840 wird er nach dem Tod des Vaters gegen seinen Wunsch Geschäftsmann, er hat aber den Vorsatz, ins Ausland zu gehen, nach einer kaufmännischen Lehre in Basel lässt er sich 1843 in Brasilien nieder, zuerst in Santos, später in Rio de Janeiro als Handelsvertreter einer großen Firma, in den Jahren 1847-1851 reist er durch ganz Europa, 1852 wird er zum österreichisch-ungarischen Generalkonsul in Rio ernannt, er erhält von der österreichischen Regierung die große goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft, 1865 heiratet er die Französin Lise Aglae aus Rouen, 1868 erscheint in Wien ein dem Kaiser gewidmetes Klagelied: »Kaiser Maximilian«, er kehrt nach Europa zurück und lebt einige Jahre in Paris, ab 1874 ist er wieder in Brasilien und hat dort mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, das letzte Lebensjahr verbringt er in seiner Heimatstadt, er stirbt am 17. März 1888 in Bern und wird dort auf dem Ostermundiger Friedhof begraben.