taberna kritika

Dranmor VI,3

(Das Kartenspiel)

Das Kartenspiel. Ich erinnere mich daran, wie sie und ich einmal bei ihm, das heisst in dem Haus seiner Eltern auf dem Land übers Wochenende eingeladen waren.

“Ich überlege mir gerade, ob ich nicht schon heute mittag fahren soll.”

“Das musst du wissen – iss wenigstens noch einmal ordentlich.”

1. Es gab einen Streit am Vorabend, möglicherweise war ich der Auslöser. Möglicherweise zurecht.

2. Es ging nicht um die Regeln des Kartenspiels. Es ging vielleicht um die Härte der Auslegung, die Strenge der Umsetzung der Regeln des Kartenspiels. Ich war immer für die strenge Hinterfragung der Regeln in Spielen, insbesondere der Fragen, wie sie in Wissenspielen auftauchten.

3. Es ging gar nicht um die Regeln, es ging darum, dass von Roman und ihr mehrfach behauptet wurde, ich hätte etwas nicht gesagt, als es darum ging, etwas zu sagen. Ich hatte es aber gesagt – so sehe ich das immer noch.

4. Ein Überstimmungsregel wurde eingeführt und bei einfacher Mehrheit angewendet.

5.  Ein Spielstand wurde von Roman inkorrekt wiedergegeben – ich protestierte und beharrte, auch dann, als Roman und sie die Unabsichtlichkeit ihres Fehlers beteuerten. Ich monierte ein Deutungskartell und eine langsam für mich nicht mehr lustige, mich ermüdende Verschwörung der beiden gegen mich.

6. Ich wäre derjenige, der immer besserwisserisch sich in Spielen betätigen würde. Ich könnte nicht verlieren, sagte sie. Das hätte auch Roman ihr schon öfter bestätigt. Andere wären viel entspannter.

Ich gab zu bedenken, dass ich einige andere nennen könnte, die von mir in dieser Beziehung bestimmt das Gegenteil behaupten würden, und bilanzierte, wenn Roman wüsste, wie viele andere über ihn so dächten. Und regte mich auf, ihn immer wieder hinter seinem Rücken verteidigt zu haben – und redete über Zeugenschaften im allgemeinen.

7. Ich bekam das Gefühl nicht mehr los, Roman solidarisiere sich mit ihr. Roman hatte immer noch nicht den Ernst der Lage, in der wir uns, in der ich mich befand, erkannt. Ich war enttäuscht, denn ich sah mich in erster Linie als Romans Gast und dachte, Roman und ich hätten ein näheres Verhältnis, als ich und sie oder er und sie.  Er sollte sich eigentlich in mich hineinfühlen können. Wahrscheinlich war ich eifersüchtig.

8. Ich verteidigte mich nach Kräften, es ging mir hier um eine prinzipielle Angelegenheit in der Beziehung zwischen Roman, ihr und und mir. Wir waren alle sehr angetrunken.

9. Ein Schlusswort, ein Machtwort von Roman sollte den Streit beenden. Dieses Thema sollte nicht wieder auf den Tisch. Roman und sie unterhielten sich weiter über ein anderes Thema, das ich nicht mehr erinnere. Ich wollte und konnte mich nicht mehr beteiligen. Ich ging ins Bad und putzte meine Zähne, ging zurück in die Küche und verabschiedete mich trocken, ich gänge nun zu Bett.

10. Am nächsten Morgen, ich hatte gerade die Zeitung geholt und etwas Kaffee gemacht, kam Roman in die Küche. Ob ich nicht etwas leiser sein könnte. Sie schliefe noch:

“Ich überlege mir gerade, ob ich nicht schon heute mittag fahren soll.”

“Das musst du wissen – iss wenigstens noch einmal ordentlich.”

Ich glaubte zu verstehen. Es wurden keine Anstalten gemacht, die Situation zu deeskalieren. Vielleicht ein Unvermögen unsererseits miteinander zu sprechen und auf uns zuzugehen. Ich nahm den Zug, jetzt, einen Tag früher als geplant, und reiste ab. Wir hatten uns nicht voneinander verabschiedet, aber er hatte mir noch eine Flasche Olivenöl mitgegeben.

alpenglühen

im tal

schwärt smog

waldauf

schon nacht

der grat

verblaut

am schneehorn

blut

(Kurt Marti, zoé zebra, S.14, 2004)

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Wissen und Gewissen

hier noch ein Hinweis auf einen Literaturwettbewerb

Die Stadt- und Universitätsbibliothek Bern (StUB) veranstaltet im Rahmen des “Festival Science et Cité” einen Literaturwettbewerb mit dem Motto “Wissen und Gewissen”.

Die Teilnahme steht allen Autorinnen und Autoren offen. Pro Autorin/Autor darf nur ein Beitrag eingereicht werden.

Der Beitrag muss als Kurztext abgefasst werden (Prosa, Lyrik, Essay, literarisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema) und darf 1000 Wörter nicht überschreiten. Der Beitrag muss ein selbstverfasster, bisher unveröffentlichter Text in deutscher Sprache sein …

Vogel im Winter

Über dem Schnee

wo sich die Dunkelheit sammelt

schreit er und singt

auf dem Zweig eines

kahlen Baumes

brennt er

sein einziges Lied

(Ulla Hahn, So offen die Welt, S.97, 2004)

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