taberna kritika

Dranmor I,1a

(Umzonen)

Ich wurde einmal gefragt, wie ich in diese Stadt gekommen sei. Was ich alles getan, gemacht hätte. Warum ich gerade hierher gekommen sei. Ich weiss nicht mehr genau, was ich darauf gesagt habe. Wahrscheinlich habe ich von anderen Städten geschwärmt, in denen ich gelebt hatte. Besonders von einer Stadt. Einer grösseren Stadt, die ich mir selbst ausgesucht und in der ich mich ausgesprochen wohlgefühlt hatte. Eigentlich habe ich mich in dieser Stadt gegen Ende meines Aufenthaltes kaum mehr bewegt und mich mit nur wenigem sehr zufrieden gezeigt.

Als ich hier landete, habe ich zu Anfangs sehr gerne von ihr gesprochen. Und hatte damit die hier Lebenden wahrscheinlich ein bisschen gekränkt. Dass ich nicht gelogen hatte. Dass ich nicht um Berns Willen hierher gezogen bin. Heute spreche ich nicht mehr in solchen Formeln von der Vergangenheit. Heute flüchte ich mich in abstrakte Wendungen. Windungen, die mir und anderen mein Hiersein so schonend wie möglich, das heisst ausweichend beantworten.

Heute spreche ich nicht mehr von Umzügen, Hinterherzügen oder Stadtwechseln. Heute spreche ich nicht mehr darüber, dass ich Orte verlassen habe, die ich geliebt habe und die ich nun und immer noch vermisse. Ich spreche gar nicht mehr von Orten, die in meinem Leben eine besondere Bedeutung spielen oder gespielt hatten. Jetzt spreche ich vielleicht noch von Orten, aber nur noch in übertragenem Sinne. Ich nenne sie manchmal Zonen, und meine Bewegung in diesen oder von einer zu einer anderen nenne ich Umzonung. Aber damit ist keine tatsächliche Bewegung in topographischer Hinsicht mehr gemeint – mit all ihren Verlusten. Eine Umzonung, habe ich einmal gesagt, fände nur noch in mir statt, und eigentlich wäre es nur ein anderer Begriff für Zeit. Das sei der grösste Quatsch, der jemals behauptet wurde, hatte man mir damals darauf entgegnet.

Kopfzerbrechen

Ein Webmaster liest nun nicht mehr die Mails der ahnungslosen Mitarbeiter des Betriebes. Vor kurzem hatte er selber angefangen, Mails zu schreiben und nun gar keine Zeit mehr, sich um anderes zu kümmern. Ja, der Klausen hat sich aus dem Staub gemacht, ist ins Ausland gegangen und mit Gabi Schluss. Einfach so. Der Webmaster hat das kommen sehen. Immerhin sind ihm die vielen Bewerbungsschreiben Klausens nicht unentdeckt geblieben. Auch sein Briefverkehr mit Gabi wurde immer seltener und kühler, und er hatte sich immer mehr gewunden sie zu treffen. Am Telefon war er, so Gabi, auch nicht mehr zu greifen. Arme Gabi. Die letzte Mail, nein nicht die Kündigungsmail. Doch, in dieser Form eine Art Kündigungsmail, die allerdings das Verhältnis zu Gabi seitens Klausen beenden sollte, konnte er aber gerade noch abfangen. Das Konto von Klausen hat er auch nicht gelöscht. Stattdessen wieder alles zurechtgebogen. Mit Gabi. Postalisch, in Klausens Namen. Sie liebte den neuen Ton Klausens sehr, und fragte sich und ihn oft, was denn in ihn gefahren sei. Sie wolle ihn unbedingt bald wieder sehen. Wie er ihr klarmachen könnte, dass er nun Klausen sei, darüber zerbricht sich der Webmaster gerade seinen Kopf. 

i for an i

Am DO 2. und FR 3. Dezember befindet sich das israelische Gastkünstlerpaar Effi und Amir mit einem Informationsstand am Kornhausplatz. Sie werden hier Material sammeln für ihr interaktives Projekt i for an i.

Die Berner Bevölkerung ist herzlich eingeladen, den beiden von ihrem persönlichen Lieblingsort in der Stadt Bern zu erzählen. Das Künstlerpaar wird diese Orte besuchen, die verschiedenen Geschichten in Souvenirs verwandeln und Ende Januar wieder an die Bewohner der Stadt zurückgeben. Die Künstler, die wie Touristen nur für eine kurze Zeit in Bern leben, werden so zu Touring Guides und präsentieren eine alternative City Tour durch Bern aus neuen persönlichen Blickwinkeln. Mehr hier.

Selbstheilung

Schön aufpassen! Besser wäre, mich

über ihn als über mich zu ärgern.

Am Ende will er mir nach der ersten

Ohrfeige auch die andere Backe hinhalten.

Dann das Gleiche von mir verlangen. Schön

aufpassen! Mir zittern die Hände, vor lauter

Schwäche schaue ich nur zu, wie sie zittern.

(István Vörös, Die leere Grapefruit, S.65, 2004)

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