taberna kritika

Paare am Morgen VII

Was sein kann, ist. Doch es sind nicht die Wörter, die wurden verbogen – entstellt und wieder gerichtet. Und nur noch schätzbar: die Orte und Zeitpunkte, an denen sie vor ihrer Entstellung geäussert wurden und die aus Sicht der Beteiligten auf eine Schieflage, auf eine unterschiedliche Haltung, auf eine Missstimmung hinwiesen, mit der zu leben war. Es war die potenzielle Möglichkeit praktischer Wahrheit, die in jedem theoretischen Handeln erzählerischer Substratbildung steckte. Doch nur, wenn Wahrheit als solche akzeptiert würde.

Es sind die kleinen Persönlichkeiten, die gemeint waren. Die damit verbunden und dahinein gewickelt und gelesen wurden, und von denen gedacht wurde und die so eingeschätzt wurden, jeder müsse sie erkennen und jeder würde sich auf der Spur eines Geheimnisses ahnen. Einen Wissensvorsprung erhalten – dem Schreibenden gegenüber, den Beteiligten gegenüber. Jenen gegenüber, denn wer dies lesen würde, würde unerkannt bleiben, und dessen Lesen und Verstehen nicht steuerbar. Und eine Rechtfertigung damit unmöglich, und ein Beschluss unausweichlich, und eine Bestrafung unerlässlich.

Dranmor I,3

(Brief)

[Ich hatte ihr den Brief persönlich vorbei gebracht. Nein, verstohlen geschaut, ob auch niemand zusähe, und ihn dann in ihren Briefkasten eingeworfen. Nur ihr Vorname stand darauf – ein Geständnis darin. Am Mittag von ihr besucht worden, des Briefes wegen, wie angenommen wurde. Stattdessen eine Fragestunde. Er hätte sie zum Frühstück eingeladen. Sie hätten Sekt getrunken. Er hätte sich ausgezogen und sich auf sein Bett gelegt. Sie sei verwirrt gewesen. Sie sei dann wütend geworden. Sie hätten sich dann gestritten – er sei immer noch nackt gewesen. Sie wüsste auch nicht, warum es sich dann so entwickelt hätte. Plötzlich hätten sie miteinander geschlafen – sie kann sich das gar nicht erklären. Es sei sehr schön gewesen. Wie ich denn darüber denke. Wie sie sich denn verhalten solle. Ob sie nun mit ihm zusammen sei, wisse sie noch nicht. Aber es wäre besser, wenn wir uns eine Weile nicht sähen. Nein, sie habe noch nicht in ihren Briefkasten geschaut – sie müsse jetzt gehen. Die Eile. Die Fahrt mit dem Fahrrad zu ihrer Wohnung, um dort vor ihr anzukommen. Um den Brief wieder herauszufingern – aus dem engen Briefkastenschlitz. Das Sichdavonstehlen, mit hochrotem Kopf und zerkratzten Händen.“>

Dranmor I,2

(Die Bilder)

Die Kiste. Eine Kiste mit Büchern und Schriften – wie ich vermute, die er irgendwann einmal bei mir deponierte, bevor er ins Ausland ging, und die nicht mehr abgeholt wurde. Sie ist seitdem immer mit mir umgezogen, mit mir mitgezogen. Ich weiss nicht einmal mehr, was genau sich darin befindet. Sie müsste aber eigentlich noch im Keller stehen, und ich gehe hinunter, um sie zu suchen.

Ich finde sie in einem dunklen Winkel unter allerlei Kram, Koffern, Plastikwannen mit Elektromüll und Kabeln – und ziehe sie hervor. Es ist dunkel und ich kann nichts erkennen, und weiss, dass ich eigentlich derjenige wäre, der die kaputte Glühbirne auswechseln müsste, so wie ich nun derjenige bin, der immer angesprochen wurde, wenn es um die Erledigung von Dingen rund ums Haus ging. Eine Art Hausmeister. Eine Ansprechperson. Ich würde mich irgendwann darum kümmern.

Ich schleppe die Kiste, den grossen Karton, den ich umständlich schultere, hinauf zu mir in den zweiten Stock, durch das enge lindfarbene Treppenhaus. Stelle ihn in meinem Arbeitszimmer ab und öffne ihn.

Wie erwartet: Semesterliteratur, Vorlesungsverzeichnisse, Mitschriften in Ordnern, ein paar Bilder, ein Notizblock, Kassetten. Wie ein Inventar, das ganz zuletzt verpackt wurde und dann wahllos in eine übrig gebliebene Kiste wanderte.

Die Bilder: Seine Eltern mit ihm auf Urlaub in irgendeiner Berglandschaft, ein Jugendfoto Romans, mit blauem T-Shirt steht er in einem Garten neben einem Apfelbaum, und eines mit uns, das heisst: mit ihm, mir und ihr.

Ich lege alles wieder zurück, bemühe mich dabei, die ursprüngliche Ordnung wieder herzustellen, obwohl Roman sich nicht an diese würde erinnern können. Ich beschliesse ihm bei nächster Gelegenheit davon zu erzählen, sie ihm zurück zu geben.