taberna kritika

ZNS

Er hatte diese sehr hohe Nummer auf dem Rücken seines Hemdes. Das würde auffallen, das würde nicht gut gehen. Die anderen Neunzehn, so sah es aus, sassen an diesen Tischen und Bänken inmitten des Feldes auf verkotzter und verpisster Erde, einem braungrünen, einem gelben Ackerstück, und soffen Bier bis sie spien, dann soffen sie weiter, denn so hatte man sie geheissen und es hatte dazu nicht viel Überzeugungsarbeit gebraucht.

Das Tor schloss sich hinter ihm und er sah das Gelage der Wahnsinnigen auf dem Acker, sah gleichzeitig die Mauern, die ihn und sie umgaben, die vielen Kameras und Mikrophone in den Ecken und oben auf den Mauerabsätzen, sah den grauen, konzentrierten Himmel, der zu platzen drohte. Fühlte die Schwüle und die Augen hinter den Linsen der Kameras, die ihn, die alles beobachteten.

Die saufenden Tische wurden immer lauter. Ein paar derbe Kerle prügelten sich darum, wer der Wertvollere sei – sie hatten einstellige Zahlen, Zweien, auch Dreien auf ihrem Rücken. Das hiess: so und so viele hatte jeder auf dem Gewissen.

Ihre irren Blicke, ihr Lachen. Sie wurden auf ihn aufmerksam, neugierig, verlangten, dass er sich an einen ihrer Tische setzte und mit ihnen tränke. Er solle saufen, ob er denn nicht verstünde! Er würde ihnen nicht erzählen, dass er Arzt sei. Mengele bekam zum ersten Mal Angst.

Dranmor III,3a

(Permafrost)

Kälte bleibt. Ein kleiner Schmerz geht voraus und öffnet mit leichter Hand eine Tür in die Nacht. Verfängt sich in einem asymmetrischen Netz alten Putzes der Wand. Zuhause kann der Kühlschrank ein Magazin sein. Der Leberkäse ein Buch, Textblock. Der Salat, der darüber und darunter angeordnet wurde, ein kalter Einband. Cover. Gefrierschutz mit Gabelzeichnungen. Nun in optimalen 7 Grad und ein paar Minuten. Das Wenige, das davon gelesen wurde, wurde wieder erbrochen. Unverdauliche Kost, heute Abend, auch aufgewärmt, auch zu gerechten Portionen angerichtet, sperrt sie sich vor der Einnahme. In den Regalen lag, liegt immer noch anderes, schweigt nun daneben in bester Gesellschaft: alte Vollkornbrotscheiben wie Papyri, Käsereste, gesammelte Überlieferungen dreier Wochen in einem Kodex. Ein Werk aus blauem Plastik. Ein reifes Werk. Stattdessen die Suche nach Schlaf. Ich stelle das Badewasser ab, sobald ich sehe, es ist genug. Die Kosten. Ich werde mir etwas überlegen müssen. Der Mangel einer ordentlichen Heizung, eines Heizungssystems, kann nicht immer mit Heissbädern ausgeglichen werden. Es würde sich nicht rechnen, auf Dauer. Und erst unterm Dach, ein Raum, der nun unbewohnbar ist: eigentliche Frostparzelle. Der einzige Raum, in dem gearbeitet werden konnte, muss ebenfalls kompensiert werden, nach unten, hierher – vielleicht ins Wohnzimmer verlegt werden. Vielleicht auch in die Küche. Ich werde es probieren müssen.

Erstaunlich mein Auge, der Blick für punktgenaue Wasserstände, der Wannenfüllmenge, die nun, nach Aufnahme meines Körpers, nach seiner vollständigen Deckung mit Wasser, ihren Pegel knapp unterhalb der Überlaufvorrichtung, des Auslaufs einrichtete.

Viel Bewegung darf allerdings nicht stattfinden. Unnötige Verluste vermeiden, auch die Flutung des Badezimmerbodens. Die Arbeit und die Gefahr eines Unfalls. Umständlich auch die Manöver der Hände, die das Buch halten und gleichzeitig vor Befeuchtung und Bespritzung bewahren müssen. Ausserdem das seltsame Gefühl der Kälte und Hitze zugleich – phänomenologisches Wirrwarr: der Körper bis auf die Hände und Arme in heissem Wasser – und die frierenden Hände, Arme und nun auch Stirn. Beheizter Torso: Was ist aussen, was innen? Eine Seite hat schon Wasser gezogen. Durstiges Papier!

1858. Eine Nachtwache // Durch die Wellen flog der Schoner, auf und nieder / ging der Kiel, / Frische Brise in den Segeln, vor den Augen unser Ziel / „Fort von den Kanonen, Jungens! – Sendet keinen Gruß an Land; / Schweigend refft die Segel, schweigend werft den Anker in den Sand!“ /

Wasserliteratur. Kielholen der Wörter. Nach der Tortur: blutige Risse an Leibern. Ohnmacht. Die salzige Schwemme verhindert ein Sich-Schliessen der Wunden, der zerschundenen Arme und Beine. Vor allem des geöffneten Bauches. Das alles in Friedenszeiten. Wie wird es sein im nächsten Krieg, den härteren Tagen? Die Kiele werden nicht mehr geholt werden. Es wird wieder mit Kanonen geschrieben. Ich möchte diese Antwort formulieren, habe aber vergessen, Block und Bleistift bereitzulegen.

Zeit vergeht im Wasser langsamer und ich überprüfe die Zehen eines Fusses, ob sich nicht schon Haut veränderte. Eine Frage der Zieldefinition, letztendlich, nach einer Entankerung: Doch Dranmor hat eindeutig den Fokus verloren. Himmelstöchter. Das ewige Sternthema als ewigen Schreibimpuls. Eine unbefriedigende Folie, denke ich, ein endloses Stück Stoff. Die Sterne, die man sehen will, aus irgendwelchen Gründen beschreiben will, man muss sie sich selbst erschaffen. Ein durch und durch religiöser Wahn. Der pantheistische Dranmor, so nannte ihn ein Kommentator, zwei oder sogar mehr. Sie haben alle von einander abgeschrieben. Ich werde diesen Ansatz einmal mehr verfolgen müssen. Und seine Verdichtung: ein Gottesdienst ohne Gott, sein Glauben ohne zu glauben. Aber immerhin Entstandenes, ein Wuchs, etwas Beobachtbares. Damit werde ich nicht dienen können, im Moment. Nicht Roman, als Beweis meiner Klarheit, nicht mir, als Beweis meiner selbst. Vielleicht hat das heutige Kalenderblatt doch Recht: Die Schreibblockade, von der es heute morgen sprach, als Gottes Methode dir zusagen, dass du kein Schriftsteller bist. Das wäre nur derjenige der beschreibt – seien es auch nur Sterne, die man nicht sah.

Und immer wieder diese. Sterne, teilt ihr mit dem Erdball gleiche Zukunft, / gleiches Sein, / Lebenswärme, Fortschritt, Wissen, Liebeslust und Todespein? / So, als Platzhalter allen Geschehens in einer langweiligen Konstruktion. Menschengedachtes Unendliches und das Schicksal – für diesen Spätling des Jahrhunderts.

Der Wasserhahn ist nicht dicht und erlaubt einem Rinnsal sein Sein, über Wasserleitungen, Rohre und Beckenränder zu fliessen und den Verlust des Übergeschwappten oder Abgelaufenen auszugleichen. Kleine Schauminseln bilden sich, sacken in sich zusammen, werden Oberfläche und vergehen. Hätte er die Welt auf den Kopf gestellt! Die Wasseroberfläche wäre Himmelszelt. Die Analogie beider Zeltstoffe! Ich kann die Hebungen und Senkungen meines Bauches und Unterleibs durch die sich klärende Flüssigkeit erkennen. Die unbemerkt abgesunkene, linke Hand ist, wie sich nun herausstellt, eine grossflächige Runzel. Ich lasse das Wasser ab.

IM FISCHHAUS

Radeberger fließt, Forellen werden aufgetragen.

Warum zapple ich am Tisch

Hilfe! rufe ich

Die Kellnerin und eß den Haken.

(Volker Braun, Auf die schönen Possen, S.75, 2005)

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