taberna kritika

Dranmor VIII,3

(Febre amarella)

Es war keine Fiebernacht. Die Nacht liegt noch unruhig im Hang, die Bergspitze, die Bergketten im Visier. Der Blick wandert hinunter, viele Male. War das ein Traum? Ich träume häufig in letzter Zeit. Halb angelehnt, halb gekrümmt, zwischen Toilette und Duschkabine verdreht liegend, die Matte zerfaltet, schmutzig und feucht. Mein linkes Bein ist eingeschlafen und ich reibe, klopfe, schlage darauf, um wieder etwas zu spüren, um die Blutzirkulation wieder zu normalisieren, bewege es, schüttle es.

Flaschen klirren, etwas läuft aus. Es stinkt erbärmlich auf dem Klo, aber wenigstens bin ich auf dem Klo. Rauch, abgestandenes Bier. Ich versuche mich aufzurichten. Hände suchen halt. Ich betätige die Spülung, als könnte man etwas ungeschehen machen, unklar zu erkennen, was darin war. Nach dem grossen Rauschen schwimmen noch Zigarettenstummel wie kleine Boote auf sich beruhigender See.

Der Spiegel, spiegeleben, im Waschbecken Erbrochenes. Das Gekotzte lässt sich problemlos abspritzen, kaum Festes, aber hochgradig Saures. Zerrissene, zerknüllte Blätter liegen auf dem Boden – eine Schrift, die meiner sehr ähnelt. Nach der Rekonstruktion und dem Glätten eines Blattes ist ein Titel erkennbar. Eine Meditation über Konserven kündigt sich an. Vage Sprache, soweit erkennbar, kein Personal, das gelebt hätte. Auf einem anderen – eine Südseeszene. Palmengruppen. Es wird ein Lied gesungen, schliesse ich aus dem Refrain. Ein Lied über Berge im fröhlichen Morgengrauen. Der Spiegel ist ein ebensolches Blatt, darauf auch deutliche Zeichen. Doch das Bezeichnete? Was bedeutete diese Schramme auf der Stirn? Ich erinnere mich an einen Taumel, dann ein Ausrutschen. Und was davor? Die schwarzen Augenhöhlen. Pestzeichen. Der Schwenk auf die Alphabetischen der Papierschnipsel, so zu lesen, übertragen, projiziert, starren zurück. Stichwortartiges auf einem anderen Zettel. Von Sklavenmoral ist dort die Rede. Von einem Vergifter, einem Schlachtfeld ohne Ruhm und Ehre. Die Eitelkeit des Kampfes, so das Lied. Wenn kein Lichtstrahl aus den stummen Räumen / Niedergleitet in die grause Nacht / die Lösung? Fort von hier! – Hinunter in die Schlacht /.

Ich öffne das kleine Fenster über dem Wasserkasten, entkleide mich. Die Unterhose, das verschwitzte T-Shirt sinken in den Wäschesack – stelle die Dusche an. Die Temperierung des Wassers dauert eine Ewigkeit. Wenn der Kopf sich unter dem Strahl angenehm kühlt und der Druck etwas nachlässt, friert es den Rest des Körpers. Den Bauch und die Beine. Kein Gleichmass der Schübe des Wassers folgert die Anspannung der unzufriedenen Körperstellen. Benachteiligtengebahren. Eine Gänsehaut an Stellen, an denen ich nie damit rechnete. Ich stelle das Wasser wieder ab, schiebe den Vorhang beiseite und finde kein Handtuch weit und breit. Nass, tropfend muss ich den Dunstraum verlassen und gehe ins Schlafzimmer. Auch dort kein Handtuch, also nehme ich ein gebrauchtes, das – schon etwas modrig und süss – in einer Ecke liegt, und reibe mich trocken, reibe, als wollte ich eine neue Haut freilegen unter der geschrumpften. Es ist Drei in der Früh. Zwei Aspirin direkt werden möglicherweise die grössten Schmerzten verhindern. Ich nehme sie, ohne sie irgendwie zu verdünnen zu mir, lösche mit einem Schluck Wasser. Ich wanke in die Küche. Im Kühlschrank ist noch Licht. Die Wahl zwischen Knäckebrot, ranziger Butter und Malteser Aquavit wird sehr schnell getroffen. Ich greife zu der halb angebrochenen Flasche. Ob das Aquavit auf Malta hergestellt würde, war der Bruchteil einer Frage, die nicht mehr vollendet wird. Der scharfe Kümmelgeruch lässt mich würgen, aber ich setze die Flasche verwegen an.

Selbstinserent

Suche jemand, der mich umbringt. Bezahle mit

meiner Frau.

(Aglaja Veteranyi, Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter, S.119, 2004)

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