taberna kritika

Tafeln zur Lage

I

Die Argumentenmappe. Handschuh.

Ein Anatom mit einer Säge

in Kupfer. Im Korridor. In einer Schachtel

leuchten die Falter. Ein Kaisermantel

mit Kopföffnung. Wachsende Staaten.

(Steffen Popp, Wie Alpen, S.43, 2004)

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schlichten (halluzinieren V)

zu: der ackermann aus böhmen – eine aufführung eines streit- und trostgesprächs zum tode von johannes von tepl auf dem bremgartenfriedhof, bern

(der bass, die wagenradgrosse trommel, mit fellen bezogen, rhythmisiert schweren gang, eine glocke schlägt ein paar mal)

01

der vorwurf

mit dem pflug als feder den acker beschreiben

fluch dem tod, mörder aller menschen

02

das hören

hört, höret und hört neue wunder, grausame, nie gehörte klagen

das gegen, gerechtfertigt

03

die identität

ihn widerstrebend, immer, der ausjätung wegen, der beraubung

des freudenreichen daseins wegen

der wind, die flut, die wogen, haltloser anker

04

das sein

bist du ein ackermann? wir haben in böhmen nichts vollbracht

ausser vielleicht

05

die liebe

hin ist sie, ach und wehe, diamant

bruch

(allein der ackermann, die trommel schlägt zwei mal – was hat der tod in der hölle zu suchen?)

06

die struktur

wer knecht, wer herr? wer?

mit spänen in den augen

07

die äusserung

die klage, leidfolge, natürlich

08

die himmel

die hölle als vernunftprinzip

des krieges aller gegen alle

09

die verlustangst

wonnenenteignung

(ein bass freut sich nicht)

10

die brunnen

weisheit versus jugend, unberührt, nicht betrunken, sein nichtsein

unterscheidet die liebste nicht

mit stumpfer klage

11

die trauer

ersatz wofür?

(rauft sich die haare – rücken an rücken der tod mit dem ackermann)

12

das glück

überall zu finden, nochmals, mehrmalig

leid und liebe im proporz

13

der schaden

das gewöhnen daran – hat der schmerz eine wohnung?

(eine glocke erklingt)

14

die reue

der streitsucher, sie werde zum besten zeitpunkt genommen

die märtyrerin genommen aus dem kurzen

glänzenden elend

15

die gegensätze

üble, des übeltäters erscheinung

(die kontrahenten nun aug in aug gegenüber)

wer seid ihr?

16

die sense

grosse verwandlerin, geht ihren weg

wir (alles und nichts) wollen dank

17

das paradies

schnitters ursprung – ist die sense gerecht?

wo sind die gerechten? die schnöden sind noch da

18

die dinge

sie zu erkennen, wettlauf des esels mit den hasen

19

das unmögliche

wiedergutmachung, schadensersatz

(die trommel)

20

die weisen

wollen im bade sterben und

beklagen die toten nicht

das leben – leihe

21

der tadel

der gerechte, kein rat, nirgends

22

das lied

freude, angst und hoffnung

diese vier verkürzen und verlängern

trauer

23

das gesprochene

süss, heiter, das begehren

gut ein – böse aus, und umgekehrt

bis ans ende – ewiges gedenken

(die trommel, die glocke)

24

der rat

fass ohne boden fürs hohle herz

neunlöcherlehren, es fliesst alles

in den rhein

25

das edle

unberührbar, der mensch, perfektes werkstück gottes

träger der vernunft?

26

die worte

des menschen

grammatik, rhetorik, logik, geometrie

helfen nicht

27

die geduld

wohin zu wenden?

weltlichgeistlichkeit

28

die gnade

des nehmens

(der bass)

29

die frauen

gehen vor

(die glocke)

30

die sünde

nichtigkeiten begreifen

als wahrheiten, alle dahin und

alle ihnen nach

31

das etwas, das nichts

wohin geht

der tod nach seinem tod?

in die hölle?

32

das ende

das vergängliche, ewige schöpfung, was

ist das alles?

eitel, krankheit, seele, wahn, vanitatis

und tue das gute

(eine glocke)

33

gott

gleichnis klagende jahreszeiten wer herrsche

klagen und herrschen, sibyllinisch

dem kläger ehre, dem tod sieg

34

das amen

lichtendes licht, ursprünglichstes, superlative

nova, gnadentau

(der bass, die trommel, die glocke)

die gnade

Dranmor V,5

(In der Bibliothek I)

In der Bibliothek. Durch ein Bücherregal hindurchschauen. Zwischen Buchoberkanten und Regalunterseiten ist etwas Raum und dahinter der um diese Tageszeit nicht stark belegte Lesesaal gut überschaubar, und ein günstiger Platz schnell gefunden. Ich vergrabe mich hinter einer breiten Betonsäule und klappe meinen Laptop auf, schliesse ihn an der Steckdose an. Mache mich zu schaffen. Das schlechte Gewissen bei der Exzerpierung. Erst die Freude gestern, doch noch ein paar persönlichere Texte aus Dranmors Leben gefunden zu haben. Vermeintlich autobiographische Spuren, die sich in seinen Auslandsjahren angesammelt hatten, die sich mit in seine journalistischen Skizzen hineingeschrieben hatten, etwa in seiner Abhandlung über den “Handel und Wandel in Brasilien” – später dann in den weitaus resignativeren “Rückblick auf verunglückte Colonisationsversuche”, wie ich vermutete, in einem auf seine Persönlichkeit lesbares Wirtschaftsjournal, das ich gehoben hatte, wie ich denke, und dessen Existenz ich um jeden Preis verbergen will, ausschlachten will ohne Romans Wissen darüber, ohne selbst zu wissen, ob dies tatsächlich möglich war. Die Freude über diesen Fund und nun ein Gefühl der Inkriminierung, der flaue Magen, als stünde ich kurz vor einem Ladendiebstahl.

Ich weiss, Roman hatte mir schon viele Dinge verschwiegen, verschweigt mir immer wieder Dinge und hat dabei nicht die Spur eines schlechten Gewissens, sah in der Zurückhaltung von Dingen keine Beugung seiner Ethik der Sportlichkeit, wie er es einmal nannte. Und meine Wut darüber, nicht so sein zu können wie er, nicht aus meiner Sicht Unrechtmässiges ausblenden zu können, schon immer. Mit der Wimper zu zucken, zucken zu müssen wie bei einem Tick. Sagen zu müssen, das wäre immer schon so gewesen und dies als einzigen Trost gelten zu lassen.

Ich ziehe den Kopf ein, schrumpfe, denke ich, als das Bibliothekspersonal an mir vorbeigeht und in irgendwelchen Schubladen Zeitschriften sortiert und wieder an mir, hinter mir vorbeihuscht und mir über den Rücken schauen will. Ich beuge mich über den Tisch, über Bücher und Blätter. Und mich neugierig mustert, was ich wohl mit diesen alten Heften wolle, die auseinanderzufallen drohen, die auf speziellen Schaumgummiblöcken ruhen sollten, damit der Buchrücken nicht bräche, man würde sie mir an den Tisch bringen. Was ich mit diesen Schriften, die seit langer Zeit nicht mehr gelesen wurden und denen auch seit langer Zeit kein Forschungsinteresse entgegengebracht wurde, die ausgeforscht waren, die nutzlos seien, was ich mit diesen wohl anstellte, würden sie wohl denken.

(…)

KURZNACHRICHT

Herr Aufgeschnitten

lässt wieder bitten:

„Frau Unversehrt

wird sehr begehrt!“

(Robert Gernhardt, Die K-Gedichte, S.25, 2004)

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