taberna kritika

niesen ausgesetzt

ich bin gestern durch die nacht gegangen. am rand der bühlstrasse lag ein bild. es tat mir leid und ich habe es mitgenommen. wahrscheinlich handelt es sich um ein aquarell mit der darstellung des niesens. für sachdienliche hinweise bin ich natürlich dankbar, weise in diesem zusammenhang aber auch noch auf diese produktion hin.

Dranmor II,2c

(Waldleben)

Ich habe noch nicht über die Nacht gesprochen. Die Nacht, eine der Nächte, alle Nächte sind ein Pilz, Schmarotzer am Himmel. Über die Nacht als Wald eines Tages. Der Pilz, der Dichter, sämiger Belag auf meiner Zunge, der mit den Vorderzähnen abgerieben werden kann. Der eine blauweisse, klebrige Masse ergibt, die ausgespuckt oder geschluckt werden kann. Der eine Spur, Doppelspur auf der Zunge hinterlässt. Blut. Loipenblut! Habe ich mir auf die Zunge gebissen? Paternina. Heimat. Heimatwald.

Ich habe noch nicht über die Nacht gesprochen, denn die Nacht ist ein eigener Text. Die Lektüre der Nacht eine eigene Lektüre. Etwas anderes als der Tag – etwas anderes als am Tag.

Dranmors Waldleben im Spätherbst. Dämmerungszeit, ermüdet und verdrossen. In der Nacht erscheint Lady Margaret, deren Liebe er umsonst erflehte. Lady Margaret, der Pilz Dranmorscher Dichtung, denke ich eine Sekunde, der Belag der Dranmorschen Zunge, der Menge der Wörter im Waldleben. Der Belag ist auch Sarg und Kranz: auf der Zunge, die Zunge als Sarg der Geliebten. Die Geliebte als Wort, als Dichtung. Die Einsicht des Todes dieses Gedichts, der Dichtung Dranmors, der Dichtung schlechthin. „Modrige Pilze“ notiere ich auf einen Zettel. Natürlich, ich werde nachschlagen müssen, wann dieser Text entstanden ist. Ich sehe Dranmor als Waldmenschen. Ironiker in barocker Verpackung. Einer, der wusste, was er schrieb – Unlesbares. Das Furchtbare. Die Täuschung. Freund, wir müssen wieder gehen. „Wir“, das sind die Wörter.

Nachtmotive. Waldmotive. Pilzmotive. Paterninahermeneutik. Morgen sieht es sicher ganz anders aus, aber ich weiss, nur so lässt sich etwas lesen. Die Legitimität der Interpretation: Ich darf damit spielen. Ich muss damit spielen, damit das Spiel weitergeht. Geht es nicht auf, dann probiere ich es aufs Neue. Probiere ich es anders herum. Bin ich Lady Margaret. Die tote Leserin, die von einem Text, der gerade rezitiert wird, fast ausgespuckt wird, vor dem Spiegel im Bad; der kleinere rote Flecken im Waschbecken hinterlässt.

Ich bin Lady Margaret. Für vier Sekunden, für zehn Minuten. Solange ich will.

Ich habe noch nicht über den Morgen gesprochen. Morgens sind die Lektüren anders. Morgens liegen Zettel auf dem Küchentisch. Heute steht ein Name darauf. Lady Margaret. Darunter: Waldleben, wann? Darunter: Erstausgabe kaufen! Wenn möglich. Ich muss zur Arbeit. Ich recherchiere das.

Paare am Morgen XVI

Sie ist pünktlich. Er ist pünktlich. Alle sind pünktlich. Sie sind alle da, haben sich rechts und links auf Bänken, als Publikum, Chor, in einem Raum versammelt. Eine Vorstellung wartet. Er sagt es. Hat er es gesagt? Wer würde bezeugen, dass er es gesagt hatte? Was würde es bedeuten?

Sie sagt es. Hat sie es gesagt? Würde sich eine Zeugin finden, die, nicht das es-Sagen attestierte, doch die Frage, die laut und deutlich gestellt und beantwortet wurde, angemessen deutete?