taberna kritika

Dranmor I,4

(Laub)

Blätter fallen und werden Laub. In einem Blaumann stand ich letzte Woche auf dem Dach. Zu einer wichtigen, besonderen Tätigkeit in meinem Aufgabenbereich gehörte es, jetzt, zur Zeit der Entlaubung der Bäume darauf zu achten, dass die alte Dachrinne vor meinem Fenster im zweiten Stock sich nicht zu sehr mit herunterfallenden Blättern, mit Geäst und anderen Dingen, die bei den nun einsetzenden Wettern, den Stürmen sich auf dem Dach, in den Giebeln, vor allem aber in der Rinne verfingen, diese verstopfte und sie nach einer Verstopfung und einem dann folgendem Regen zum Überlaufen brächte, oder ihr Gewicht so stark zunehmen könne, dass sie aus den Fugen geriet, wie es schon einmal passiert sei.  Dieses Ereignis hatte sich so fest in das Gedächtnis der, wie ich feststellte eher fluktuierenden Hausverwaltung eingeschrieben, dass bei den wenigen telefonischen Kontakten, die wir hatten, jenes Thema in einer Art, Weise und Häufigkeit erwähnt und diskutiert wurde, dass mir schon angst und bange wurde.

Überhaupt käme es aber nicht in Frage, den alten Baum, wie ich vorschlug, vor dem Haus zu stutzen, gar niederzureissen, obwohl er schon bedrohlich an das Haus ragte und so ausschaute, so glaube ich immer noch, als wolle er dort hineinbrechen. Jener Vorschlag von meiner Seite wurde sehr kühl aufgenommen, fast als eine Unverschämtheit angesehen, wie ich nun vermute, und – mit dem Hinweis, alles sei mit entsprechenden baurechtlichen Vorschriften in Einklang gebracht – zurückgewiesen worden.

Ich sollte lediglich tun, wie mir gesagt wurde, das sei schliesslich nicht zu viel verlangt, an meine Funktion, und mich ansonsten um meine eigenen Sachen kümmern.

Die Freundlichkeit meiner Vermieter war von einem auf den anderen Tag verschwunden, ohne dass ich es mir erklären kann, vielleicht vermuteten sie eine in mir schlummernde Renitenz oder die Anlage, mich vor allem Aufgetragenen zu drücken. Diese Vermutung hatte ich, als ich auch wiederholt auf den wuchernden Pilz, man konnte die Ausweitung seines Radius dank meiner sauber angebrachten Messpunkte nun deutlich erkennen, aufmerksam gemacht wurde, die Akribie meiner beobachtenden und dokumentarischen Tätigkeit aber eher Missfallen erregte.

Die verlaubt Dachrinne nun also ein neuerlicher Grund der Kontaktaufnahme der Verwaltervermieter – die Nachbarn hätten sich bei ihnen gemeldet, ob sie sich denn nicht erinnerten, was passiert sei, der mittlere Teil würde durchhängen und es bestimmt nicht mehr lange dauern, bis er herunterbräche, ich sollte nun endlich handeln, ob ich denn zu gar nichts fähig sei, das in einem Brief, anbei in einer Plastiktüte ein vergilbter Arbeitsanzug, ich möge diesen doch bei der Arbeit tragen, die Nachbarn, und die Sache so schnell wie möglich über die Bühne bringen.

Mit einem Besen in der einen Hand, ich hatte ihn in der kleinen Laube unter dem Baum gefunden, mit der anderen Hand an einen Blitzableiter geklammert, in die Schräge gekrallt, versuchte ich vorsichtig in Wasser schwimmendes Laub aus der Rinne über die Kante zu befördern, der Abfluss – schon vollständig verstopft, dort müsste ich mir etwas anderes einfallen lassen. Alle Nachbarn beobachteten an diesem Samstagmittag diese Szene und schüttelten die Köpfe. Ich zog mir eine Mütze tiefer ins Gesicht, um vielleicht doch nicht erkannt zu werden, das Laub, das noch nicht am Grund der Rinne verklebt war, driftete in Richtung Abfluss, verstopfte noch mehr, ich glitt, rutschte ein-, zweimal aus, gesichert nur mit der Hand an dem Blitzableiter und stieg schlussendlich wieder durch mein Küchenfenster ins Haus.

Ich wollte an diesem Mittag einen Brief schreiben und von meiner Überforderung berichten und vorschlagen, eine professionelle Unterstützung kommen zu lassen. Ich wollte mich für mein Versagen entschuldigen und gleichzeitig signalisieren, dass ich alles unternommen hätte, mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten dieses kleine Problem zu beseitigen. Ich wollte darin auch auf den Pilz anspielen und ihnen von meinen Rechercheerfolgen berichten, was man in so einem Falle tun könne, doch irgendwie ging mir an diesem Mittag das Schreiben nicht von der Hand und am nächsten Tag war es kein Thema mehr.

An dem darauffolgenden Mittwoch kam früh morgens ein von der Hausverwaltung bestellter Handwerker, der die Dachrinne vom Laub und die Wand vom Pilz in weniger als drei Stunden befreite. Ich quittierte seine Arbeit mit meiner Unterschrift auf einem Formular.

Am Donnerstag erreichte mich ein Anruf von der Verwaltung: Ich müsse mich nun nicht mehr um die Dinge des Hauses kümmern. Ein junges Pärchen würde bald in die Wohnung darunter einziehen, der junge Mann mache einen sehr anständigen und kompetenten Eindruck, und würde diese Aufgabe gerne übernehmen, ob ich etwas dagegen hätte?

Ich freute mich und liess mir diese Freude anmerken. Man würde mir einen neuen Mietvertrag zukommen lassen, den ich unterschreiben solle, allerdings nun aber mit einem höheren Mietpreis, da ja nun die Abwartsvergütung hinfällig sei.

Saldi in Disla

(8°78’/46°68’)

Im Abfall auf der Terrasse

Kühlt ein Jahr ab

Der ist gegangen und Die

sieht man nicht wieder

Einer hat sich einen Schnupfen geholt

Einer anderen brach ein Arm ab

Schwere Zunge machen Seele leicht

So die gelbe Schrift im Schnee

Anderntags geht eine Sonne auf

Glutrotes Schädeldach zwischen den

grauen Schläfen eines Massivs

Unterm Strich

Bleibt etwas Tau:

In den Tränensäcken

Wütet Dein Durst weiter

Dranmor I,2b

(Diskurse)

Was für ein Zufall, ihr kennt euch? Hatte er belustigt gefragt. An einem Abend an dem ich ein paar Kommilitonen eingeladen hatte. Wir kannten sie also beide, aus unterschiedlichen Kursen. Er war an diesem Abend nicht lange geblieben, hatte uns aber noch viel Spass gewünscht. Später habe ich lange darüber nachgedacht, was er wohl damit meinte. An diesem Abend blieb sie bei mir über Nacht. Es passierte nicht viel, würde man heute wohl sagen, aber wir begannen danach uns regelmässig zu treffen, auch wenn nicht ausgesprochen wurde, nicht ausgesprochen werden sollte, was aus uns würde. Ich erzählte Roman davon, machte Andeutungen, sicher hatte er bemerkt, dass ich weniger Zeit für ihn hatte. Das mache nichts, er hätte auch jemanden kennen gelernt. Man könne sich ja gegenseitig austauschen, sich auf dem Laufenden halten, bei ihm sei es nichts Ernstes, er denke, das wäre bei uns auch so. Ich hatte darauf nichts entgegnet, war aber erstaunt, dass er mir nicht sagen wollte, wer denn die Glückliche, wie er sie bezeichnete, an seiner Seite sei. Er nannte mir damals einen Namen, den ich nicht kannte, sie würde nicht in dieser Stadt wohnen, er würde sie nur alle zwei Wochenenden sehen, müsste dazu zwei Stunden aufs Land fahren. Er wolle eigentlich nur eine Bettgeschichte. Ich hakte nicht weiter nach, aber wir sprachen über Fortschritte und Rückschläge, in sehr abstrakter Weise davon, welche Ziele wir uns gesteckt hatten, wie weit wir schon gekommen waren. Das bedeutete unterschiedliche Dinge bei uns beiden, wie sich herausstellte. Ich habe mich damals vor ihm geekelt, aber irgendetwas trieb mich an, das mich ihm gegenüber feststellen lassen wollte, wir, sie und ich, seien zusammen, er dagegen wollte, wiederum andere zitierend, jene nur rumkriegen, so sagte man damals. Das waren nicht nur unterschiedliche Ansichten – das war ein grosses Missverständnis.