taberna kritika

Neapel im Frühling

Die Stadt liegt träg am Ankerplatz von Träumen.

Ein Lächeln steht den Kindern im Gesicht.

Der Wind geht um und löscht das Licht,

das hängenblieb in Winterbäumen.

Aus hundert Kirchen summt die Trauer,

Vervielfacht sich, steigt auf und fällt

auf morsche Dächer, wo das Geld

im Kasten schimmelt, wie auf Lauer.

Ein Staunen geht von Tür zu Tür,

kreuzt Katzen, die die Nacht durchschleichen

und sieht wie die Gespenster weichen

durch Ritzen in den Mauerfalten.

Verfall hält tanzend Hochzeit hier

In dieser Stadt, der heiligen, uralten.

Darin wir sterben müssen

Es ist ein Haus – darin die Räume

leer und kalt. Ein Schaukelpferd

steht still, entbehrt der Kinder,

die nun schwer und alt. So wie der Herd

in der einst belebten Küche. Nur die Träume

rücken Möbel und vom oftbespielten Flügel geht ein linder

weicher Ton in den wildverwachs‘nen Garten. Blinder

Laut dringt in die fremde Wirklichkeit – die Straße

gilbt und denkt an ein vergangenes Jahrhundert.

Schenkt, Götter ihr, daß nichts mehr wundert

sich in meinem Herzen. Nur auf der Zunge sei noch Haße.

Wie denn sollte, Liebste, ich dich blutvoll küssen

in diesem Hause hier, darin wir sterben müssen?

schlucken

… der schauspieler hat seine liebe mühe mit dem text, der sich immer wieder bricht und umbricht und eine seltsame allianz mit seinem versmass eingegangen ist, darauf war er nicht gefasst, dass es ihm so schwer fallen würde, als er noch vor ein paar minuten das podium bestiegen hat und gefragt hat, soll ich jetzt anfangen es ist schon sechs, rauft er sich jetzt die haare nach dem dritten stolpern, er muss den ganzen absatz noch einmal lesen, schon in der fünften minute, und gelangt an die stelle, die ihn, wie er plötzlich feststellt, selbst betrifft, schwer trifft, soll er sich nun mit dem text beschäftigen, ihn umsetzen, performieren, so, wie es gedacht war, oder über ihn nachdenken, und sich nicht an seine instruktionen halten, steht irgendwo um die dreizehnhundertfünfzigste zeile überall Wahnsinn / mich wundert wirklich wie sanft im Frühling alles / so grün wird und fett / nichts spricht gegen etwas ja / sogar der Verdruss / ist gemütlich und heiter / solche Stimmungen / wirken Wunder entsprechen / etwa dem Lesen / eines sehr langen Gedichts / mit gleichbleibender / Silbenzahl laut gelesen / wird die Bewegung / des Schluckens mit dem Atem / gut koordiniert/ schlechtes Schlucken im Alter führt öfters zum Tod / es zählt also auch hier nicht der Inhalt sondern / was sich abspielt dazwischen / zwischen dem Maler / und seinem Motiv zwischen / der Stimme die liest / und dem Text wie er da steht und er fasst sich an sein herz, in gedanken, und verlässt wieder das gedicht, das er lesen soll, das er immer noch liest, mechanisch, er hätte es vorher lesen sollen, denkt er sich nun, um nun nicht dazustehen, wie ein idiot, der, so scheint es nun vielleicht, keinen geraden satz aus einem mund hinauslässt, und er hätte nun weiter, silbe für silbe, wort für wort, zeile für zeile, absatz für absatz, mal sieben, mal fünf silben, die restlichen fünfundzwanzig minuten hindurchharren können, dort sitzen und sich durch dieses labyrinth hindurchkämpfen können, seine umgebung völlig ausblendend, doch das fällt ihm schwer, er nimmt nun nicht mehr das publikum wahr, das sich durch das alte papiermuseum verstreut hatte und nicht wusste, wohin hören, wohin schauen, wohin mit den füssen, den unruhigen hintern, das nimmt er nicht mehr wahr, nur noch diese stelle, dann auf einmal ein flackern und blitzen schräg durch ein fenster auf sein pult, ein lichtertanz der irritiert, ein paar kinder, die von aussen stören wollen, denkt er, ein blendspiel, das er früher auf der schulbank mit einem kleinen spiegel und bei günstigem sonnenlichteinfall auch gemacht hatte, zeichen an die tafel geworfen hatte, um seine lehrer zu ärgern, nun ärgert er sich darüber und macht eine kunstpause und nimmt einen schluck wasser aus einem glas, schaut dabei aus dem fenster und muss erkennen, dass es wohl ein effekt eines aluminiumstreifens ist, der draussen an einem garagentor im wind baumelt, keine unmittelbar menschliche handlung also, und er spürt, wie seine zunge und sein gaumen sich nur noch schwer trennen lassen und ein weiterer schluck verursacht beschwerden und druck, ein kleiner stich erinnert ihn an seinen herzinfarkt vor zwei jahren, nichts grosses, nicht der rede wert, ein kleiner aussetzer nur, ein harmloser, vielleicht nur ein zeichen, ein hinweis, wie sein arzt meinte, dass er vielleicht ein bisschen mehr auf sich acht geben sollte, und seine familie malte szenarien aus, und er sollte sich zur ruhe setzen, er hat sich dagegen gewehrt, er könne nicht anders, er müsse weitermachen, so lange er kann, wer so spricht es fällt mir wahrlich nicht leicht / auf das Abendlied / einer Amsel zu hören / wenn ich altersschwach / weggestellt still und sprachlos/ im Rollstuhl warte / (auf dem hellgrünen Gang) / bis mir nach Stunden / jemand die Windeln wechselt der rollstuhl? die amsel? die grünen gänge? keine traumlandschaften, wer so schreibt hat recht und sicherlich ist das nicht nur vorstellbar und ein guter grund, aufzuhören und schlusszumachen, aber das wäre nicht er, und sicherlich nicht intention des textes, seines textes, und dessen, der vor ihm liegt und dessen, der ihn geschrieben hat, es kann nicht die intention dieses textes sein, jemals aufzuhören, sein part, nur noch zwölf minuten, keine grosse ewigkeit, eine kleine nur, ein ausschnitt …

die aufnahmen wurden im papiermuseum basel während der lesung von franz dodels never ending haiku im rahmen der buchbasel gemacht. (pdf)

raps & regen

ich bin der raps und du der regen

wir treffen uns in einer mulde

mischmuldenwahnsinn

denken wir gleichzeitig

dort gehören wir nicht hin

beim besten aller willen nicht

ich bin der raps und du der regen

wir treffen uns auf einer haut

ich bleibe, möchte dort noch etwas länger verweilen

du verabschiedest dich in

den boden, dann wieder in

die luft, ich warte noch – adieu

ich bin der raps und du der regen

wir treffen uns in deiner strasse

du riechst heute etwas streng

wir verschieben unseren plausch

auf morgen

ich bin der raps und du der regen

wir treffen uns gelegentlich*

und das sehr gerne

wir wissen nicht warum

und trotzdem

ich raps, du regen

& beide sind wir einzeln traurig

& auch zusammen

sind wir keine landschaft

auch wenn raps und regen

auf den neidgelben wegen

mit der haut verwächst

ich raps, du regen

verständigung von uns

gelingt nur auf höchstem

niveau

ich raps, du regen

ich komme nicht ohne dich aus

du sehr wohl ohne mich

doch nur zusammen sind wir

raps & regen

*ich stand einmal herum

auf einem feld

und habe mich dort

mit verheulten augen

zutodegewartet

einmal kamst du zu früh

zu heftig und sorglos

auch das war nicht recht

ich konnte dich nicht speichern

ich raps, du regen

mit mir hast dus nicht einfach

ohne dich gelinge ich nicht

ohne mich bist du nur regen