taberna kritika

Metaphysik

Am Anfang war das A. Dann sangen Schaben.

Doch oben zogen Wolken. Drohend flog

Ein Schwarm kohlrabennachtpechschwarzer Raben.

Ein Holzkoloss, der wohl zwo Tonnen wog,

Schult Unterholz im Umstellen von Uhren.

Worauf sich mit der Zeit der Raum verbog.

Unterm Gemurmel schläfriger Lemuren

Entzieht ein Käfer sich dem Spätgebet.

Und ein Kastrat kommt anderswo auf Touren.

Es quält Gelächter gellend hell und – seht! –

Ein Nietensplint will in den Fakir dringen.

Im Schuppen schlenkert scheppernd Blechgerät.

Und im Gewirr von irrsinnigen Dingen

Hockt hoheitsvoll ein Höhendemagog,

Den Reißverschlüsse inniglich besingen.

Und diese Zeile dient als Epilog.

taz > (GROa)

das sieb – info & nachtrag

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Majdanek

Der alte Prophet Elia

streichelt die Haufen Asche

mit stillen, traurigen Fingern:

Oh, gotenju, du unser Gott!

Kein Ssedermahl mehr in Polen,

wird er dastehn allein,

mit zerzaustem Bart und Schläfenlocken

ein ewiges Denkmahl sein.

(Itzik Manger, Dunkelgold, S.279, 2004)

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Dranmor VII,1a

(Drei Klänge)

Drei Klänge nacheinander, die zu einem Akkord verschmelzen. Diskord in meinen Ohren, nicht eines Missklangs wegen – der wäre mathematisch unhaltbar. Dreifacher Anschlag, reaktiv, raumgreifender Teppich – nur Einleitung, nicht Stück, ungehaltenes Versprechen einer heimeligen Couch, aber: Türöffner einer Information, obwohl ich sie benötige. Ich bin auf dem richtigen Gleis, zur rechten Zeit. Dem Vorhaben nach. Welchem?

Ich bilanziere. Im Nachhinein – sicherlich eine irrsinnige Idee, den beiden nachzufahren, zu denken, mit ihnen mitfahren zu können, mitzuhalten, neben ihnen, unbemerkt. Agentisch. Roman vor zwei Wochen soweit auszufragen, kaltschnäuzig, wohin und mit wem er fortfahre, warum er ein paar Tage, eine Woche frei nahm. Wohin? Er antwortete, er würde Freunde besuchen in Barcelona und ich denke, er hat noch immer keinen Verdacht geschöpft. Ich wusste aber zu diesem Zeitpunkt sofort, dass er mit ihr dorthin fahren wollte, mit wem sonst, schliesslich lebte sie da seit geraumer Zeit, auch das habe ich mittlerweile herausbekommen. Es war ganz einfach: Ihren Namen in eine Suchmaschine einzugeben und zuoberst der Verweis auf sie, Organisationspsychologin in einem grossen Unternehmen in Barcelona, es konnte sich nur um sie handeln. Freimütig erzählte er mir, dass er sich etwas gönnen wolle, dass er den Euronightzug am heutigen Sonntag nehmen würde, ein Hotelzug mit allem Pipapo, um entspannt am anderen Tag dort anzukommen. Dann meine Recherchen, zuerst spasseshalber, was es denn kosten würde, jenseits meines Budgets, eine Woche später aber, ein Sonderangebot – wegen geringer Auslastung, wenn man sofort buche … es lag für mich im Bereich des geradenoch Erschwinglichen.

Wie naiv, wie einfach ich mir das vorstellte. Wenn es dort nichts zu sehen gäbe, wenn ich der Verfolgung der beiden überdrüssig geworden wäre – es gäbe dort ja noch Fernando, den ehemaligen, den eher geduldeten als geliebten Kommilitonen, den ich eigentlich nicht mochte, Langweiler, zu dem ich keinen Kontakt ausser dem Verschicken einer jährlichen Neujahrskarte mehr unterhielt, der mir aber immer wieder das Angebot unterbreitete, ihn zu besuchen. Ihm dann zu schreiben, ob er in besagtem Zeitraum Zeit hätte und er dies umgehend und freudig bejahte und mich beinahe drängte, mich dazu zu entscheiden, er würde mich gerne sehen. Eine Verschränkung glücklicher Umstände, oder waren es unglückliche, die zu der Entscheidung bewogen: Ein Hin und Zurück, eine Woche Aufenthalt, vielleicht täte mir das gut. Ja, alles wurde bestätigt: Die Buchung des Tickets, und ja, Fernando könne mir ein billiges Hotel empfehlen, obwohl er mich eigentlich zu sich eingeladen hätte, aber wenn ich unbedingt wolle … die Unabhängigkeit. Das alles hinter dem Rücken Romans, das alles ohne irgendwelche Konsequenzen zu bedenken, konsequent phantastisch, planlos, ohne überhaupt einem ernstzunehmenden Gedanken darüber zu verschwenden, was dort zu tun sei. Im Nachhinein.

Drei Klänge verebben um Viertel nach Neun und ich schleiche auf dem Bahnsteig herum. Es ist kalt, was mir entgegenkommt. Ich ziehe eine Mütze tief ins Gesicht. Ich erwarte weniger den Zug, als die Ankunft von ihm und ihr, drücke mich an und hinter einer Informationssäule herum, schutzsuchend, bereit jeden Moment in Deckung zu gehen – sehe die beiden schliesslich die holprige Gepäckauffahrt heraufkommen, bester Dinge. Mittelgrosses Geschütz: zwei Rollkoffer, zwei Rucksäcke, eine Handtasche. Sie bewegen sich in Richtung Sektion A: Der Sektion mit den Wagennummern 31 und 32. Meiner Sektion. Ich erwartete bei diesem Part Komplikationen, ahnte vorzeitige Entdeckung, doch noch bevor ich mich nach einem anderen möglichen Einstieg umschauen kann, fährt der Zug ein, fünf Minuten zu früh – mir würde genug Zeit bleiben, zu beobachten, wo sie einsteigen würden, welches Abteil sie nähmen, und mir dann meines zu suchen, mich dort schlussendlich ruhig zu verhalten. Nur wenige Reisende steigen zu. Ein Schaffner versucht sich persönlich um jeden einzelnen zu kümmern. Nun führt er ein Gespräch mit Roman, hilft den beiden beim Einstieg, schultert etwas Gepäck von ihr und bringt sie, soviel ist durch das halbverspiegelte Fenster zu sehen in ein Schlafabteil des Wagens 32. Ich versichere mich noch einmal meiner Wagennummer, 31, löse mich unbemerkt aus dem Schatten der Säule und verschwinde über einen Einstieg weiter vorne in meinen Wagen, mein ausgeschriebenes Abteil.