taberna kritika

Dranmor I,3

(Brief)

[Ich hatte ihr den Brief persönlich vorbei gebracht. Nein, verstohlen geschaut, ob auch niemand zusähe, und ihn dann in ihren Briefkasten eingeworfen. Nur ihr Vorname stand darauf – ein Geständnis darin. Am Mittag von ihr besucht worden, des Briefes wegen, wie angenommen wurde. Stattdessen eine Fragestunde. Er hätte sie zum Frühstück eingeladen. Sie hätten Sekt getrunken. Er hätte sich ausgezogen und sich auf sein Bett gelegt. Sie sei verwirrt gewesen. Sie sei dann wütend geworden. Sie hätten sich dann gestritten – er sei immer noch nackt gewesen. Sie wüsste auch nicht, warum es sich dann so entwickelt hätte. Plötzlich hätten sie miteinander geschlafen – sie kann sich das gar nicht erklären. Es sei sehr schön gewesen. Wie ich denn darüber denke. Wie sie sich denn verhalten solle. Ob sie nun mit ihm zusammen sei, wisse sie noch nicht. Aber es wäre besser, wenn wir uns eine Weile nicht sähen. Nein, sie habe noch nicht in ihren Briefkasten geschaut – sie müsse jetzt gehen. Die Eile. Die Fahrt mit dem Fahrrad zu ihrer Wohnung, um dort vor ihr anzukommen. Um den Brief wieder herauszufingern – aus dem engen Briefkastenschlitz. Das Sichdavonstehlen, mit hochrotem Kopf und zerkratzten Händen.“>

Dranmor I,2

(Die Bilder)

Die Kiste. Eine Kiste mit Büchern und Schriften – wie ich vermute, die er irgendwann einmal bei mir deponierte, bevor er ins Ausland ging, und die nicht mehr abgeholt wurde. Sie ist seitdem immer mit mir umgezogen, mit mir mitgezogen. Ich weiss nicht einmal mehr, was genau sich darin befindet. Sie müsste aber eigentlich noch im Keller stehen, und ich gehe hinunter, um sie zu suchen.

Ich finde sie in einem dunklen Winkel unter allerlei Kram, Koffern, Plastikwannen mit Elektromüll und Kabeln – und ziehe sie hervor. Es ist dunkel und ich kann nichts erkennen, und weiss, dass ich eigentlich derjenige wäre, der die kaputte Glühbirne auswechseln müsste, so wie ich nun derjenige bin, der immer angesprochen wurde, wenn es um die Erledigung von Dingen rund ums Haus ging. Eine Art Hausmeister. Eine Ansprechperson. Ich würde mich irgendwann darum kümmern.

Ich schleppe die Kiste, den grossen Karton, den ich umständlich schultere, hinauf zu mir in den zweiten Stock, durch das enge lindfarbene Treppenhaus. Stelle ihn in meinem Arbeitszimmer ab und öffne ihn.

Wie erwartet: Semesterliteratur, Vorlesungsverzeichnisse, Mitschriften in Ordnern, ein paar Bilder, ein Notizblock, Kassetten. Wie ein Inventar, das ganz zuletzt verpackt wurde und dann wahllos in eine übrig gebliebene Kiste wanderte.

Die Bilder: Seine Eltern mit ihm auf Urlaub in irgendeiner Berglandschaft, ein Jugendfoto Romans, mit blauem T-Shirt steht er in einem Garten neben einem Apfelbaum, und eines mit uns, das heisst: mit ihm, mir und ihr.

Ich lege alles wieder zurück, bemühe mich dabei, die ursprüngliche Ordnung wieder herzustellen, obwohl Roman sich nicht an diese würde erinnern können. Ich beschliesse ihm bei nächster Gelegenheit davon zu erzählen, sie ihm zurück zu geben.

mat zu dm V

Briefe von und an Peter Hille

nicht datiert oder unsichere Zuordnung

Detlev von Liliencron an Peter Hille

(Anfang fehlt.)

Nur eins gleich hier: Sie müssen, lieber Freund, nicht verzagen, wenn Sie Abschläge erhalten haben. Denken Sie an das deutsche Millionenleserpack (– Fürst und Eckensteher, ganz Wurst

Unsere biederen Landsleute lesen nicht gerne originale Gedanken, nicht gern: ihnen neu ins

blöde Hirn Fallendes. Und somit prophezeie ich Ihnen: Sie kommen durch!! ! Aber nach schwerem Ringen. Also Kampf! Geben Sie nicht klein bei – Dies möchte ich auch hier noch mir ergebenst gestatten zu bemerken: Ihre Prosasachen können noch die Feile haben. Es sind noch manche Schreibfehler stehengeblieben.

Haben Sie herzlichen Dank für Ihren langen, interessanter Daten vollen Brief.

Ich werde diesen Frühling oder Sommer definitiv nach Berlin übersiedeln, da ich hier auch nicht einen Menschen habe, mit dem ich mich in literarischen Dingen aussprechen könnte. Ich hoffe, daß wir dort uns treffen. Ich habe auch noch mit Regulierung von – 50.000 Mark Schulden zu tun – aus früheren Zeiten –), die mich fast täglich in die Mündung meines Revolvers schauen lassen. Das ist ja so sehr günstig für einen Dichter. Aber wir sind ja deutsche Dichter. Und deshalb erst perumptorisches Verlangen unserer Landsleute:

Hunger die Bestie, Wahnsinn erst – denn weshalb ist das Vieh „Dichter“ geworden und nicht Käsehändler.

Was Sie über Pantenius schreiben, unterschreibe ich unter Trommelschall. Es ist nur ein herzloser Patron. –

Ich werde nun also auch den Rest Ihrer M.S. warten und zugleich, ob ich es an 0. und Gr. weiterschicken soll, oder an Sie zurück. Ich bin sehr glücklich, daß Sie in Pyrmont einen netten Hauswirt haben. Bravo! Geben Sie dem Mann von mir einen herzlichen Händedruck.

Aus Ihrer (– brieflichen –) allerliebsten Schilderung Ihres Restaurations-Besuches auf dem Berge werden Ihre: Die Kinder entstanden sein. Ich bin gespannt auf die Ausführung. Die Skizze läßt Herrliches erwarten! Ihre Vorliebe für Dranmor teile ich mit ganzer Seele. Wer kennt ihn? Nur wenige.

Ja: „das Einvernehmen“. Der Titel schon ist gut. Aber der Titel ist zu weit ab von der Landstraße, und – siehe unsere braven Landsleute. Ich habe insofern Bedenken gegen diese geplante Zeitschrift, weil ich glaube, daß die erwähnten Fächer ja alle schon in Einzelbearbeitungen (– Journalen p.p. –) in unendlichen Massen auf den Markt kommen. Ich finde sonst Ihre Idee ausgezeichnet.

Hoffentlich haben wir noch Gelegenheit, uns mündlich zu sprechen, und shake hands zu machen sei es, wo es sei. Ihr treuer Liliencron

aus dem rabenkalender

Vom Schicksal verschont zu werden ist weder Schande noch Ruhm, aber es ist ein Menetekel.

Kriege und Okkupationen können überstanden werden. Ihr Land, und nicht zuletzt Sie, lieber Havel, haben es bewiesen, während wir Schweizer mit einem Widerstand, der nicht geprüft wurde, nichts bewiesen haben und beweisen.

Friedrich Dürrenmatt zu Vaclav Havel

batberger 2

am freitag vorgenommen (a.g.a.) dieses wochenende (u.a.) der findung einer griffigen, adäquaten beschreibungsform batbergerscher prosa zu widmen, der beinahe fesselnden, ausgehend von einem “konsequent auf gleicher höhe schräg” bzw. “beklemmend lustig”, auge (1983) aus dem magazin hervorgekramt, der erstling (wenn richtig recherchiert wurde), und dann der einfall (auf s. 23): vielleicht ein “minimaler kasack” (stadt hinter dem strom), wg. des (an dieser stelle) vermuteten, parabelhaften über(unter?)baus, dann aber doch wieder gestrichen, sprachewegen, des fehlens des bewusst eindimensionalen und kastrierten wegen, des 10 grad kälteren wegen. dann folgerichtig: ein kalter kasack – aber das hiesse: verantwortung abschieben. und: bei diesem begriff die plötzliche sehnsucht nach mittelscharfem senf und einem trockenen weissen. nicht besonders weit, aber so weit bis jetzt.