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Sie berichtet wieder aus ihrer Höhle. Und wie sie plötzlich vier helle Sterne sieht. Ein Strahlenquadrat, das die sie umgebende Landschaft nun komplett ausleuchtet und auch ein paar Schatten erzeugt. So konnte sie sich noch nie umschauen. Rote Matten, wuchtige Gebirgslandschaften, salzsaure Flüsse stürzen hinter ihr in die Tiefe. Entlang der Gebirgskämme, oben und unten, werden vier riesige Gewebebündel eingelassen. Verletzungen sollen so verhindert werden, und weitere Verrenkungen ihrerseits.

Die Öffnung weitet sich und mehr Licht und eine Sonde mit rotierender Spitze dringt ein, macht sich an der Struktur der Gletscher zu schaffen. Ein grosses Rohr hängt sich hinzu und saugt ihr die Quellen trocken. Das Massiv wird in Planquadrate unterteilt. Rotationsgeräusche. Splitternder Stein. Weitere Sonden.

Das sei ein übliches Verfahren zur Behandlung kariöser Stellen, unterbreche ich sie. Aber meine Zunge will keinen Trost.

Dranmor IX,4b

(Ein kleines Pilzgericht)

Das sei aber sehr gut. Das rieche aber ausgezeichnet und schmecke hervorragend, lobe ich das Eichhörnchen, das mir eine Stärkung reichte. Und: dass ich nicht gedacht hätte, man könne aus dem wenigen, was sich in einem Wald so zusammentragen liesse, eine so schmackhafte Speise zubereiten. Überhaupt: wo doch kein Fleisch mehr verwendet würde, ja, ich verstünde nun, dass man sich nicht gegenseitig kannibalisieren solle.

Das Eichhörnchen nickt freundlich, aber etwas irritiert zu diesem unerwarteten Lob. Es sei auch etwas besonderes, das bekäme man nicht jeden Tag, schon gar nicht in dieser Jahreszeit. Etwas ganz spezielles. Ein Schlauchpilz. Ein besonderer Trüffel aus den tiefen Wäldern des Kantons, und: dass es reichlich Mühe gehabt habe, diesen zu besorgen, aber es sei ja auch ein besonderer Tag.

Ich möchte mit meinem Lob fortfahren und auch den anderen für diese wohlige Atmosphäre danken, stocke aber, als ein Baumschatten um mich zu kreisen beginnt. Mir fällt mein Kopf in die Hände. Ob es mir nicht gut gehe, fragt mich Sabina, und diese Frage, auch die Züge, die sich langsam aus ihrem Spatzengesicht zu schälen beginnen, rufen verstaubte Bilder hervor, ehemalige Personen, die mich zu berühren versuchen. Sabina rückt näher und will meinen rotierenden Augäpfeln folgen. Geweitet. Die Pupillen. Ein gutes Zeichen, zu den anderen, als ich ihre Hand greifen möchte, die sich aber rasch entzieht.

Mir bleibt eine Feder zwischen Zeige- und Mittelfinger. Ich puste sie in den Teich und hänge ihrem oberflächlichen Treiben eine Weile nach.

Dann wären wir also soweit, zieht Maximilian die Aufmerksamkeit auf sich, während ich die Schnürsenkel meiner beiden Turnschuhe löse, sie jeweils an beiden Enden miteinander verknote und sie an meinen Händen aufziehe. Himmel und Hölle. So heisse das doch, lache ich. Und: wer denn als erster möchte. Dann registriere ich die armlose Gesellschaft und ziehe mein Angebot zurück.

Eine wirklich wichtige Frage, jetzt, und ob ich mich kurz etwas konzentrieren könne. Wir seien bei Dranmor stehen geblieben, das heisse, ich hätte begonnen von ihm zu sprechen, immer wieder. Andauernd, fällt ihm Sabina ins Wort. Und dass man endlich wissen wolle, wissen müsse, wer oder was das sei, so könne man nicht arbeiten, so sei nie Abstand zu gewinnen. Auch: dass so ein Kommunikationsverhalten nicht gut sei und so ein Geheimnis nicht zu unserer Runde passe.

Ich versuche dieser Frage auszuweichen und lade alle noch einmal herzlich zu meinem Fadenspiel ein. Der Fisch bleibt hartnäckig. Und auch Busch scheint zu keiner Ablenkung mehr fähig. Humorloser Weiher.

Wer oder was das sei? Ich habe keine Ahnung. Argwöhnische Blicke. Ich kenne diese Person nicht. Sie liege ja auch in der Vergangenheit, vielleicht stehe sie auch für die Vergangenheit. Einer bestimmten Art von Vergangenheit. Ich könne das nicht so genau sagen.

Er liest sie, zischt Sabina ärgerlich. Und er schreibe darüber. Ich dementiere. Ja, es hat etwas mit Lesen zu tun, und mit Schreiben, aber ich hätte ja schon geschworen, niemals mehr einen Stift in die Hand zu nehmen. Er lügt, unterbricht mich das Eichhörnchen. Ob ich mehr von dem Trüffel benötige? Meine Unglaubwürdigkeit lähmt mir die Beine bis hinauf in die Schultern. Der Kiefer dagegen malmt mit doppeltem Aufwand. Er beschäftigt sich immer noch damit, auch wenn er es nicht zugeben wolle, denunziert mich Sabina. Ich wisse nichts, möchte ich antworten, bekomme aber eine weitere Ration Trüffel in den Mund geschoben. Iss, befiehlt mir Busch, und ich kaue und schlucke.

Schau in seinen Strümpfen nach. Das Eichhörnchen macht sich an mir zu schaffen und zieht mir mit seinen emsigen Händchen einen Strumpf aus. Das kann … , möchte ich unterbrechen, aber schon werden triumphierend drei kleine schmutzige Seiten in die Höhe gehalten.

Die Sprache, sagt Sabina. Und etwas von und mit der Sprache zu wollen. Vor allem mit dieser Sprache. Ich müsse mich davon lösen. Das wisse ich doch. Und auch davon, mit einem Flügel auf einen Fetzen der Gesammelten Dichtungen zeigend. Da dürfe nichts übrigbleiben. Ich versuche mich zu bewegen, mir gelingen aber nur ein paar verklebte Worte. Was ich denn noch zu verstecken versuchte? Und was das hier sei, im anderen Strumpf? Ein Andenken, etwa? Sie flattert auf Dranmors Frontispiz und beginnt an seinen Rändern zu zerren.  Eine kleine Sentimentalität? Auch Bilder seien verboten, das wisse ich doch auch. Ich möchte entgegnen, dass man sich immer noch einen kleinen Rest bewahren könne. Erst so merke man doch den Unterschied. Der Trüffel stimmt mich milde und ich spreche nur noch leise ins Gras.

Nicht das Waldleben, bitte, und auch nicht das Bild, möchte ich hinzufügen, werde dann aber zu schweigen aufgefordert.

Du würdest es nicht aufgeben, richtig? Dann beginnt sie den stolzen Blick Dranmors zu zerhacken. Du würdest es immer wieder hervorholen und vergleichen. Richtig? Das Eichhörnchen möchte sich an der Vernichtung beteiligen und beginnt eine letzte Seite zu zerfleddern. ABER WOVON SOLLE ICH SPRECHEN, nachdem ich etwas Kraft sammeln konnte, WENN DAS ALLES NICHT MEHR IST, NICHT EINMAL EINE UNVERSTÄNDLICHSTE ZEILE.

Ich wisse genau, wovon die Rede sei, und in welcher Sprache, versucht mich Maximilian zu beruhigen. Man könne nicht zu viele Dinge gleichzeitig zu lieben versuchen. Aber dass ich doch nicht lieben müsse, was ich nur zu verstehen versuche, entgegne ich. Der Satz geht im sich bereits auftürmenden Mondlicht verloren. Viele kleine Fetzen Papier treiben auf einem silbernen See. Ein kleiner Strom Fische hält es für Beute und schnappt vergeblich und ins Leere. Eine Alge fühlt sich in dem Weiher gut unterhalten.

Es sei gut jetzt, höre ich noch Sabina sagen. Und: es sei nun wirklich gut, den Fisch. Erstarrt richtet sich mein Blick erst auf die blanken Füsse, dann in die Ferne. Nach oben.

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Er stand nur zufällig dabei und kam eigentlich nicht zu Wort, bis die Sache mit dem Breitopf passierte. Da hatte einer etwas gesagt, dann auf ihn gezeigt und sich bald aus dem Staub gemacht. Seitdem quoll es in allen Gassen, die Vorhöfe der Häuser waren dick und schlüpfrig übergossen und in der Luft dichter, süsser Hirsegeruch.

Und er fand nicht die zwei richtigen Wörter, diesen Zustand, für den ihn alle auf einmal verantwortlich zeichneten, zu beenden. Dafür Wörter, die er lange vergessen hatte. Die er für nutzlos befunden hatte und gar nicht mehr haben wollte. Also hängte er sie aneinander zu Gedichten und Erzählungen, während Brei auf den Strassen weiter über die Ufer trat und in die Hänge drückte. Seine Umwelt wurde immer essbarer, und er rätselte und rätselte, wie denn wohl die zwei Wörtchen hiessen, die den Breitopf stillten. Und wenn er nicht gestorben ist oder sich doch an diese Wörtchen erinnert hatte, dann lesen wir noch heute.