Dranmor Korrespondenz 3

aus einer Email von R.R., auch betreffend diesen Beitrag (und Kommentare).

Lieber Herr Abendschein,

Ihre Idee mit den kleinen Phrasen als Ueberschreibung zu Dranmor-Texten finde ich hervorragend.

Ich muss Ihnen gestehen, dass ich Ihren Roman noch nicht gelesen habe und zwar nur deshalb, weil man sich so schwer in einem blog zurechtfindet.

Da ich so spät erst “hinzugekommen” bin, sitze ich vor einer grossen Menge Texte, die ich bisher (!) nicht geordnet habe, weil ich das Akten-Ordnen, ehrlich gesagt, sehr verabscheue…

Ich würde mich daher sehr freuen, wenn zu den Ueberschreibungen ein “link” zu den jeweiligen Dranmor-Passagen möglich sei! So könnte sich jeder auf eine bequeme und interessante Weise in Ihren Roman einarbeiten (ob wohl nur ich dieses Problem habe?!).

Ich wünsche Ihnen alles Gute (also keine Hindernisse!) und denken Sie doch manchmal daran, dass Sie ganz sicher einigen Menschen viel Freude mit Ihrem Schreiben bereiten! R.R.

Liebe Frau R.

“Ich würde mich daher sehr freuen, wenn zu den Ueberschreibungen ein“link“ zu den jeweiligen Dranmor-Passagen möglich sei! “.

Das ist leider in dieser Form (im Weblog) nicht (mehr) möglich, da viele Texte von Dranmor offline gestellt wurden. Sie wurden offline gestellt, weil sie teilweise veröffentlicht wurden (In Zeitschriften u.a.) und teilweise, weil sie in dieser Stufe schlecht waren, oder nur Materialhaufen. Es gibt auch noch ein paar andere Gründe. Warum dennoch (ca. 10-15%) des “Roman“textes noch online ist: um eine gewisse Ahnung zu liefern, worum es da ungefähr geht. Um die Sprache(n) des Textes zu illustrieren.

Wenn ich einmal mit der zweiten Manuskriptversion fertig bin, werde ich bestimmt Teile des Textes in den Readerbereich stellen. (Nicht ins Weblog – ich möchte ja interessierte Verlage nicht vergraulen.) Aber – sie haben recht – vielleicht werde ich zu einem späteren Zeitpunkt so eine Art Konkordanz herstellen zwischen überschreibungen-Text und Haupttext (der ja nun auch neu nummeriert und etwas anders geordnet wurde). Vielleicht also auch im Readerbereich: neben dem Haupttext unabhängig davon (als eigene Datei, sozusagen) den überschreibungentext mit einem Konkordanzsystem in Fussnoten …

Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich Ihre Anfrage/ meine Antwort morgen ins Weblog stelle. (Sie gehört ja auch theoretisch zu dem ganzen Apparat der Überlegungen zu diesem Thema). (In diesem Sinne spiegelt das, was gerade passiert auch die Stossrichtung des Romanes: nämlich die Frage zu stellen, wie ein Roman geschrieben wird, viele Überlegungen dazu anzustellen und die meisten wieder davon zu verwerfen. Vielleicht handelt es sich hier auch um so etwas wie eine Poetik der Verwerfung). (…) Haben Sie herzlichen Dank für Ihr Interesse … Ihr h.a.

Rauschen / brummen

„Erfahrungsgemäß kann die Brummspannung wesentlich größer als die Rauschspannung sein, wenn dagegen keine geeigneten Maßnahmen getroffen werden.”

Gérard Berset

als Zitat gefunden in: Urs Mannhart, Die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola. Roman, 2006

Dranmor Epigraphe, (Proto-)Typisierung

Die hier schon angedeuteten Überlegungen nehmen etwas Form an. Die Einschaltungen von kleinen Texten vor den (etwas über 100) einzelnen Passagen sind notwendig und verfolgen mindestens vier Zwecke:

a) Konstruktion eines Rahmens (eines Kontinuums), der die Summe der Texte zusammenhält. Der den Text insgesamt lesbarer macht, d.h. den “Plot” transparenter

b) Erzeugung einer Distanz zum Ich-Erzähler

c) Verknüpfung, Anspielung von Themen und Diskursen (wie erarbeitet in den überschreibungen … hier also die Stelle, an der dieser Text wieder zurückfliessen kann)

d) Transzendierung des Inhalts (der jew. folgenden Passage). Öffnung von Assoziations- und Interpretationsspielräumen

Wie erwähnt, wurden einige Texte von mir angeschaut, anhand derer man diverse Verfahren mit unterschiedlichen Ausrichtungen erkennen kann. Ich nenne nur zwei bekannte Beispieltexte.

1. Henry Fielding, Joseph Andrews (Book two)

(In “Tom Jones” ist das Verfahren natürlich dasselbe …)

CHAPTER 5

A dreadful Quarrel which happened at the Inn where the

Company dined, with its bloody Consequences to Mr Adams.

[…], (S.124)

oder:

CHAPTER 9

In which the Gentleman descants on Bravery and heroic Virtue,

‘till an unlucky Accident puts an end to the Discourse

[…], (S.140)

Bei Fielding finden sich fast ausnehmend ironische Halbzusammenfassungen mit Ausblick auf ein bestimmtes Ereignis, ohne es aber zu benennen (cliffhanger). Die Dinge werden hier aber (plotmässig) exakt auf den Punkt gebracht.

2. Robert Musil, MoE (I.)

58

Die Parallelaktion erregt Bedenken. In der Geschichte

der Menschheit gibt es aber kein freiwilliges Zurück

[…], (S.231)

oder:

93

Dem Zivilstand ist auch auf dem Weg

der Körperkultur schwer beizukommen

[…], (S.421)

oder:

113

Ulrich unterhält sich mit Hans Sepp und Gerda in der Mischsprache

des Grenzgebiets zwischen Über- und Untervernunft

[…], (S.549)

Im MoE werden nicht durchgängig Epigraphe den Kapiteln vorangestellt. Oft handelt es sich um einfache Titel oder kleine Überschriften (z.B.: Kap. 51: “Das Haus Fischel“). Bei obigen ersten zwei MoE-Beispielen handelt es sich jew. um einen Vorspann, der das Geschehen fast nur auf abstrakter Ebene nennt bzw. andeutet. Im letzten Beispiel findet eine Synthese aus kurz angedeutetem Plotinhalt und Nennung (auch Bewertung) des Metadiskurses des Kapitels statt. So eine Form schwebt mir vor, obwohl im Falle Dranmor eine eigene Sprache gefunden werden müsste. Unklar ist auch noch, wie die Erzählposition innerhalb dieser Textflecken ausschauen könnte. Aus der Sicht: Man oder Wir oder der personalen Perspektive?

Hier ein paar erste Entwürfe zum ersten Kapitel:

1.01 Wir sind flexibel

In einer kleinen Stadt, die überall sein könnte, tastet man sich,

trifft man sich unerwartet, vorsichtig ab. Man triftet ab.

[…]

bzw:

1.02 Umzonen

Gerade in kleinen Städten findet Begriffsbildung statt. Das ist wichtig

für den zukünftig korrekten Umgang mit Zeit und Raum

[…]

bzw:

1.03 Takten, taktieren

Die Jugend ist nur in zweiter Linie ein Zeitraum. Vor allem ist sie

ein prägender Stoff für Standortdiskussionen, die aber

nicht immer interessant sein müssen

[…]

(so ungefähr … wie gesagt, es ist ein erster Entwurf. Ich freue mich aber über jedes Feedback.)

Motor Club

Was empfindet Sisyphus im Moment des wieder hinunter rollenden Steins? Oder: Was meinte Luther mit dem Apfelbaum? 

4.2

gleich hinter der türe // der stätte des täglichen wirkens und / werkens um ruhm und erhalt der / funktionen des körpers und geistes und / körper und geistesgeschmeichels und / mehrwerts des eigenen tuns steht sie / da und behauptet sie warte schon / lange mehr als sie gewohnt sei mehr / als sie sich üblicherweise zu / warten gestatte es tue mir leid sage / ich die termine termine verschöben / sich immer wenn man etwas / anderes plane zu planen gedenke doch / nun sei man da und wir beide / nun endlich von auge zu auge im / weinhaus mit brotzeit zur brotzeit ein / wenig ganz sachte einander am nähern nur / weniges trennt uns die schwarzmatte tasche was / mag darin sein fragt man / ahnungslos spielend das wisse / ich doch ganz genau und noch / ehe sie kauend den letzten bissen bewältigt zerrt / sie aus der tasche befördert das / lange ersehnte geschriebene fast / schon entsetzlich vermisste vor heisst / zwischen uns zwischen teller und gläser mit / todernster miene das über und über mit / rotstift bedachte und weiter mit / rotem und blauem gerät die schon / mehrfach gemetzelten stellen des textes / zu kreuzen kein wort über uns oder / mich im besonderen heute ja / heute sei sie in funktion ihres amtes und / heute das thema ein rein professionelles ob ich / wenn auch müde noch einiges aufnehmen / könne dann weiter mit kurzer und schneller / erklärung mit einem nicht einfachen / so //