Die Taten

(M15)

Nicht darauf, dass man die gleichgültigen Umstände ihrer Entstehung und ihrer allmählichen Vermehrung mit einer ängstlichen Gewissenhaftigkeit her erzählet; …. sondern darauf, dass man zeiget, wozu es denn nun auch der Gelehrsamkeit und dem Gelehrten genutzt habe, dass so viele Bücher mit so vielen Kosten hier zu Haufe gebracht worden. Das allein sind die Taten der Bibliothek: Und ohne Taten gibt es keine Geschichte.

Gotthold Ephraim Lessing, von 1770 bis 1781 Bibliothekar an der Herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel

Integration

Ständig hast du’s

mit deinen Händen

geknetet, verbessert, gewürgt.

Und es am Ende bespuckt,

das Fremdsein

unter deinen Füßen

(Ilija Jovanović, Vom Wegrand – Dromese rigatar, S.61, 2006)

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Was eine Fürstin vom Bibliothekar verlangte

(M14)

Joseph Sebastian Grüner (1780-1864)

Als wir (Goethe und der Magistrats- und Kriminalrat Grüner in Eger am 30. August 1821) zu den Schlossruinen kamen, erzählte ich Goethe, daß die Erbprinzessin von Oldenburg, geborene Großfürstin von Rußland, indem sie die Stauden mit roten Beeren betrachtete, ausgerufen habe: Sehen Sie hier sproßt das Blut der Ermordeten aus.

Goethe äußerte hierauf: Sie hatte Geist, doch führte dieser sie in ihren Äußerungen oft zu weit. So hat sie zu Weimar in der Bibliothek, als der Bibliothekar ihr malabarische Dokumente vorzeigte, und auf ihr Verlangen, den Inhalt zu wissen, denselben nicht anzugeben vermochte, weil er die Sprache nicht verstehe, ausgerufen: Ein Bibliothekar und versteht nicht malabarisch! als ob ein Bibliothekar, bemerkte Goethe, alle Sprachen der Welt verstehen sollte.

gefunden in: Volkmann, Ernst. – Geschichten von Bücherwarten und Büchereien : Zur Ehrung der um die deutsche Bibliophilie so verdienten Deutschen Bücherei in Leipzig, und um die Buchliebhaber zu erfreuen / gesammelt von Ernst Volkmann im Auftrage der Gesellschaft der Bibliophilen. – Weimar : Gesellschaft der Bibliophilen, S.17, 1938

noch einmal Goethe: „Aus aller Ordnung entsteht zuletzt Pedanterie; um diese loszuwerden, zerstört man jene, und es geht eine Zeit hin, bis man gewahr wird, daß man wieder Ordnung machen müsse. (Maximen/Reflexionen)“

24. Schachtel (Kühnheit)

Die Orte in meinem Roman. Die Wohnung. Der Keller, das Dach, die Räume dazwischen. Der Arbeitsplatz. Das Kulturbüro, die Kneipen und ein Hotel. Selbst die Zugtoilette: Varianten. Ableitungen der Prototypen. Schachteln, Kartons, Truhen mit noch mehr Schachteln, Kartons, Truhen … Nur wenige werden geöffnet. Die meisten bleiben geschlossen.

nimm das ganze haus, das sie lagert. beschreibe die verbindungen, wenn sie nicht inhärent sind. wenn es trittwege gibt. nachbarschaften. fenster und lucken. transformiere diese verbindungen. gestalte bilder. metaphere. die treppe als klavier. der gang zwischen wohnzimmer und küche: schlucht. feuerspeiende drachen. man ist da sehr frei.

Der Bibliothekar als Autor

(M13)

Wie der lesende, so zählt der schreibende Bibliothekar – naheliegendem Berufsklischee zum Trotz – durchaus nicht zu den typischen Vertretern seiner Zunft. Im Gegenteil bin ich davon überzeugt, daß der literarisch ambitionierte Literaturverwalter in der belletristischen Gesamtproduktion eher unterrepräsentiert ist: Selbst dem nicht mehr als durchschnittlichen Literaturkenner sind spontan zweifellos ebenso viele schriftstellernde Ärzte (Schnitzler, Döblin, Benn) oder Juristen (Thoma, Tucholsky) wie Bibliothekare geläufig. Dies mag zunächst in den schon für die Berufswahl ausschlaggebenden Persönlichkeitsmerkmalen begründet sein, jener nicht so sehr von schöpferischer Intelligenz als verläßlicher Zuarbeit angezogenen Begabung.

Ausschlaggebend wird auch der ernüchternde Umgang mit dem Buch als Verwaltungsmasse, als „bibliographische Einheit“ sein, sowie die schwermütige Pflicht, Autorenhoffnungen gleich zu tausenden in den Magazinen zu begraben.

In: Döhmer, Klaus. – Merkwürdige Leute : Bibliothek und Bibliothekar in der Schönen Literatur. Würzburg : Königshausen und Neumann, 1982 (S.98f.)