Zur Grablegung einer jungen Autorenhoffnung (Vordr., Gek. Fass., Entw.)

(B13 zu M13)

Liebe/r Xy,

es ist noch nicht lange her, da hast du uns überzeugt. Hast uns Dinge vorgetragen und zukommen lassen, die wir sehr schätzten und denen von uns und auch gleichermassen von dir grosse Bedeutung beigemessen wurde. Wir haben zusammen etwas wachsen gesehen. Es gedieh anfänglich prächtig und entwickelte sich weiter, sodass es auch in anderen Kreisen hochachtungsvoll wahrgenommen wurde.

Dass es nun nach kurzer Krankheit von uns gehen musste, ist nicht nur dein Verschulden. Es sind so viele Umstände und Verwinkelungen als Gründe zu nennen, die das, was einmal war, nicht weiter sein liess und aus einem Stadium des Werdens riss, wie man es oft beobachten kann und woraus nicht allzuviele neue Hoffnung schöpfen. Diese jetzt zu nennen, fehlt uns leider die Zeit. Doch es gibt Hoffnung.

Liebe/r Xy,

Es gibt so schöne Dinge im Leben, die nun wieder Platz haben werden und völlig unverstellt angenommen werden können. Eine Fahrradtour vielleicht, am frühen Sonntagmorgen. Ein längerer Urlaub mit Freunden oder Verwandten, oder nur schon eine durchgeschlafene Nacht, nicht zu vergessen die Lektüre eines Bucher oder einer Zeitschrift ohne Verwertungszwang.

Wir alle werden in nächster Zeit für dich da sein und helfen, wo es nur geht, wieder zurückzufinden in ein würdiges Leben. Vergiss bitte nicht: wir werden bei dir sein.

Usw.

Umkreisen

(M55)

Alle neunundneunzig Bücher des Erdenkreises habe ich gelesen und das neunundneunzigste, welches den Äquator in Alexandrinern bemisst, habe ich auswendig gelernt. Die rhythmischen Zyklen, die das Versmass durchläuft, imitieren die Sonnenläufe zwischen den Polen und formen so die Welt zu einer Kugel aus ungezählten Kreisen.

Die neunundneunzig Bücher der Bibliothek von Wergenstein enthielten die Welt in ihrer Gesamtheit. Umfassend war das Wissen, das sie dem Leser schenkten, und still das Vergnügen, das ihre Lektüre bereitete. Wer das kreisrunde Gestell umschritt, umkreiste die Dinge und umrundete die Welt. Als Antonia die Bibliothek von Wergenstein betrat, fragte sie: „Beschreiben diese Bücher auch den Raum, der von den Dingen ausgeht?“ Etwas ratlos erzählte ich ihr von den Totenköpfen in Madagaskar, von den Mangrovenwäldern im Amazonas und von den Hunden der Mongolei.

Markus A. Hediger, Die Bibliothek von Wergenstein, Skypaper Press, 2006, mehr …

Nullkommaneun %

(B12 zu M12)

Soll das die Seele sein? Im besten Sinne nur ein Stückchen nahrhafte Luft? Zu grössten Teilen: Stickstoff, Sauerstoff, Kohlenstoffdioxid und etwas Argon, wie jeder weiss. Letztenfalls, ein beinahe verbindungsloses Elementchen. Ein bisschen wie sie: schweissend, löschend und isolierend. Und dabei nur ein Hundertstel dieses Gemischs – im Durchschnitt. Und so eben deckungsgleich mit ihr, was ihre Selbsteinschätzung – wie edel – und dem öffentlich kaum wahrgenommenen Gäschen angeht, misst sie ab, als sie sich oder dem, was sich davon übrig zu bleiben abzeichnet, hinterher zu schauen beginnt. Sie dreht sichs noch einmal zurecht: Ihr Argonseelenanteil müsste im Grunde um einiges höher, um nicht zu sagen: hochprozentig sein. Am liebsten möchte sie noch von sich behaupten: sie sei Argon pur, sei: eine Argonautin und jenseits aller Schnitte. Diese Rolle hätte ihr zugestanden. Doch da ist schon der Film zuende und das kleine Lüftchen strömt aus ihr heraus. Und der Blick teilt sich, brechenden Auges, schielt auf die nur noch offenen Höhlen und das leise Gebläse, das sich allmählich zu verflüchtigen beginnt. Dann ist alles wieder angenehm dunkel und das Schiff segelt weiter

Bitte warten

(E8)

Das Imaginäre. Das Spekulative. Das Absurde. Die theoriebildenden Kanäle. Benedikt war verwirrt, als er sich noch einmal all die unterschiedlichen Ausschnitte vorgenommen hatte. Wie sehr er sich auch bemühte, er konnte keine Klarheit in die Begrifflichkeiten, in ihre Unterscheidung, in die einzelnen Ansätze bringen. Schrieb der eine Autor über dieses, meinte er aber auch jenes, unter Ausschluss wiederum eines anderen. Ein anderer sah im anderen dieses und in jenem ein Tertium, das er in eine Fussnote verdrängte. All die Konzepte theoretischer Bibliotheken also solcher, die es – nach Benedikt – nur auf den Vorstellungsflächen eines Lesers zu besichtigen gab, wurden nur mit einem mehr oder weniger starken Vielleicht, nicht nur in ihrer Umsetzbarkeit, nein, sogar in ihrer Versteh- und weiter: Vermittelbarkeit bestimmbar. All diese Gebilde hatten nur eines gemeinsam: eine sprachliche Ursprünglichkeit, an der jedes andere Medium zu knabbern hatte.

Benedikt erinnerte sich an einen kleinen Abschnitt, den er innerhalb eines Kapitels seines ersten Romans platziert hatte. Es war eine Art Miniphilosophie des Vielleicht, und er hoffte nun, dass er dieses vielleicht plündern konnte, dass er das dort einmal Gedachte, herübernehmen konnte und auf der seltsam abgesteckten Fläche, einer kaum umrissenen Karte der paar Wörter, die er bald immer weniger verstand, auswalzen konnte, als Backmasse, die einen soliden Boden abgeben würde, die er dann vielleicht mit einer selbstgefundenen Bezeichnung nur noch auszustechen hatte.

Alles Suchen war erfolglos. Weder auf seiner Festplatte fand er etwas, das ihn über den Titel zu diesem Abschnitt brachte, noch ein Retrieval mit einer Suchmaschine, die er über seine Internetseite auf die er all sein Geschriebenes spiegelte, gleiten liess, machte ihn fündig. Eine Abfrage mit dem Wort „vielleicht“ ergab ihm, schien es, dagegen eine unendliche Treffermenge, die er nicht einmal in einer Schnelldurchsicht bewältigen wollte.

Dann schaute er auf die Uhr. Schon Zwölf vorbei. Er hatte den ganzen Vormittag durchgebracht ohne auch nur einen Satz zu Papier zu bringen. Und was er in die unzähligen Formularfelder eingegeben hatte: alles vergessen. Er war an einem Punkt angelangt, an dem seine Suchhistorie, wie er sich nun vorstellte, selbst den Umfang eines Romans haben musste und belustigte sich auch sogleich über diese Vorstellung. Eine Suchhistorie zu einem Romanthema selbst als Roman auszugeben, wie es in jüngerer Zeit wohl durchaus möglich geworden war, nachdem ein Roman denn fast alles sein konnte, was eine gewisse Zeichenlänge überdauerte und die Entwicklung seines Inhalts – eine Frage der Dechiffrierungskompetenz – nun schon seit langem in die Verantwortung seines Lesers übergegangen war. Ein netter Einfall. Aber Benedikt genügte es in diesem Moment so etwas Nettes gedacht zu haben und beliess es damit und strebte nicht etwa seine Umsetzung an, nach der Abwägung kategorischer und anderer Imperative: er selbst würde dies nicht einmal lesen wollen.

Dann öffnete er eine Flasche Bier, denn es war ja schon zwölf vorbei und liess Luft in eine Dose Wasabi.

Bibliotheca caelestis war der seltsame Titel, den er dann nach weiterer, etwas lustloser Recherche im Onlinekatalog der Bibliothek fand. Er war eigentlich per Zufall auf diesen Eintrag gestossen, wie, das konnte er sich nun im Nachhinein nicht mehr erklären. Vielleicht, weil er auch den Untertitel Versuch über die Unmöglichkeit einer Ordnung enthielt, und ihm nach Ordnung, zumindest im Moment zumute war.

Das Indexat enthielt noch keine Sacherschliessung und auch im Standortfeld fand er nur die dürftige Information: in Bearbeitung.

Um weitere Auskünfte darüber zu erhalten, denn Benedikt hatte es sich nun partout in den Kopf gesetzt, darüber Näheres in Erfahrung zu bringen, und offensichtlich war auch dem gesamten Internet dieses Buch ein Fremdes, rief er auf einer Zentralnummer an, die ihn aber nur mit einer ausweichenden Antwort eines Automaten beunfriedigte. Schnell trank er noch ein weiteres Bier, dann machte er sich erneut auf den Weg in die Stadt, liess alles stehen und liegen, fertigte aber schnell noch einen Bildschirmausdruck seines Funds an. Er wollte ja nicht wieder mit leeren Händen dastehen.

Heute kam es ihm so vor, als wäre noch viel grösserer Betrieb und die Summer der Checkpointkonsolen am Eingang in pausenlosem Einsatz, die Schlangen vor den Ausgabestellen und Terminals, mit zuckenden Schwänzen, eine Geraune wie vor Vorstellungen üblich, bei denen lange nicht gesprochen werden durfte. Verbitterte, frustrierte Fassaden, schubweise Hektik, Zwischenrufe, Insultationen, Hände in Nebenhänden, das Lesen im Lesesaal verunmöglicht, ein Schild am Eingang des Katalogsaals: Entschuldigung, ein Serverausfall, man arbeite daran, danke.

Benedikt machte sich gar nicht erst die Mühe, sich in einen langen Wartepfad einzureihen, sondern ging direkt, beschwingt wie er immer noch war, wieder quer durch den Saal in Richtung des kleinen Kabuffs, worin er Hilfe hoffte.

Auf sein Klopfen erhielt er keine Rückmeldung, auch nicht auf das kunstvoll synkopierte oder war es nur in diesem Gewitter untergegangen? Er wollte es ein letztes Mal probieren, erntete aber verständnislose Blicke, dachte er, von Seiten der aber vollständig eingebundenen Bewirtschafter, die sich aber allesamt schnell wieder an das Ausfüllen von Kärtchen machten.

Mit dem Ohr an der Türe konnte er sich aber dennoch etwas Zugang verschaffen. Konnte ihre Stimme, die das gesamte Betriebsgeräusch in eine stumme Kugel zu bannen vermochte, hören, die einfach nur: lieblich war und eine andere Umschreibung ihm gerade nicht zupass – , wenn auch etwas unter Druck geraten. Er presste die Klinke nach unten, sie gab ihm gerne nach. Anna schien sein Erscheinen gar nicht zu bemerken, so intensiv kümmerte sie sich um ihre Klientel am anderen Ende der Leitung. Erst als sie diese unter vielmaligen Vertröstungen verabschieden konnte, blickte sie auf und erschrak ein wenig.

Als auch die zweite Leitung zu glühen begann und ein Wortwechsel mit ihr verunmöglicht wurde, stellte Anna mit ein, zwei entschlossenen Tastenkombinationen die penetrante Belästigung auf lautlos, sodass lediglich ein paar nervöse Lämpchen von prallgefüllten Pipelines kündeten, und wendete sich Benedikt zu, gar nicht erbost, dass er hier unerlaubt hereingeraten war, sondern fragte ihn, geschäftsmässig freundlich allerdings, wie ihm denn zu helfen sei.

Benedikt bedankte sich höflich dafür, dass sie sich ihm widmen wollte und legte ihr den Ausdruck vor, schob nach, ob er denn Einsicht in dieses rätselhafte Werk erhalten konnte, sobald es denn bearbeitet worden war.

Anna errötete schlagartig, nachdem sie den Eintrag gesehen hatte. Dann wand sie sich umständlich und versuchte ihm den komplexen Durchlauf eines Buches in dieser Institution zu schildern, wie es von seiner Bestellung bis hin es zu seinem ersten Benutzer gelangte, wie man die Leser hier nannte, worauf sie stockte, als sich hinter Benedikt die Türe öffnete und ein Vorgesetztengesicht abzeichnete. Anna, sagte es kurz und machte eine Brauenbewegung, um sich dann wieder zurückzuziehen. Es erzielt eine Wirkung. Anna versuchte sich kurz zu fassen. Ich kann jetzt wirklich nicht, und: es liegt bei diesem Fall etwas anders. Dann hielt sie erneut inne. Das Buch, das Sie da suchen, setzte wieder an, es ist tatsächlich noch nicht vorhanden, es ist vielmehr wirklich „in Bearbeitung“. Und: sie könne noch nicht einmal ungefähr sagen, wann man es denn greifen könne, ach, flüsterte sie nun beinahe: ich will zu Ihnen ehrlich sein. Ich habe es.

Aber ich kann im Moment beim besten Willen nicht mit Ihnen darüber sprechen. Nicht hier. Benedikt war unangenehm berührt, dass er mit seinen Wünschen Anna offensichtlich in Schwierigkeiten brachte. Ich kann warten, meinte er schliesslich, und: es eilt überhaupt nicht, und: es wäre nur schön, könnte man mich benachrichtigen, sobald es zugänglich wäre. Er verspräche sich doch soviel davon, fügte er hinzu, von seinem Titel, denn mehr kannte er ja noch nicht, oder noch eher: von seinem Untertitel. Und dass er eigentlich nie so unverfroren gewesen, ja, dass es seiner Persönlichkeit sehr zuwider läge, sich so in Stellung zu bringen … Dann entpackte er ein Kräuterbonbon, als er auch seinen Atem für unangemessen befand und nahm dieses ein. Und: ja, es sei ein Thema, das ihn gerade brennend beschäftigte und er war gerade: irgendwie in eine Sackgasse geraten.

Anna begann gerade etwas aufzutauen, da tauchte wieder der Kopf des kahlen Herren auf, nun mitsamt Oberköper, der in ein kariertes Jackett gefasst und von einer grünen Krawatte zusammengehalten wurde. Anna!, gab er – nun noch etwas bedrohlicher – von sich, um ebenso wiederholt, einer Kasperlpuppe nicht unähnlich, ins Jenseits des Vorhangs zurückgeholt zu werden.

Wissen Sie was?, beendete Anna nun das Gespräch und reaktivierte das Klingeln der Sprechanlagen. Wenn Sie unbedingt etwas darüber erfahren möchten, dann finden Sie mich heute Abend im Güldenen Falken. So um Sieben. Wissen Sie wo das ist?