Wodka-Martini – bianco! – “Pfui Teufel!” (GuU08)

„Arcolian Nights”. So der Name der Band aus Mytilini. Das halbe Dorf ist dort und bleibt bis in die Morgenstunden. Begrüßungen: der schräge Vogel aus dem Kiosk, die Damen aus den Mini-Markets, die Blumenhändlerin, der junge Wirt. Fühle mich fremd wie ein Ethnologe. Snejanna, die alle Susana nennen, lächelnd und völlig überfordert hinter der Theke (ruppige Bestellungen der für diese Nacht engagierten Kellnerin, wenn sie mit ihren Zetteln von den Tischen kommt). Eine Touristen-Bar voll mit Eingeborenen.

Sie aber sitzt, den Kopf geneigt, in einem kurzärmeligen, weißen Kleid (das kurz über ihren glatten Knien liegt, sich in den Höhlungen darunter faltet) auf einem Barhocker auf der Bühne. Sie sieht auf und streicht sich im Scheinwerferlicht nervös ihr glattes, schwarzes Haar aus dem Gesicht (ein dünner, knochiger Unterarm kommt ins Bild, ein Händchen mit langen, kalten Fingern verdeckt für einen Moment das Profil ihrer griechischen Nase). Sie nimmt das Mikrophon in ihre linke Hand, blickt hinter sich, nickt dem Gitarristen zu und dreht sich wieder zurück (ihre Kollegen stimmen noch die Instrumente). Da sitzt sie, und wartet, einen Augenblick in stiller, gefrorener Schönheit …

Dann beginnt sie zu singen. Beinahe zeitgleich verteilt sich klebrig im Mund der erste Schluck von Snejannas Wodka-Martini – bianco! – “Pfui Teufel!”

Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt erscheint im September 09 bei etkbooks.

@etkbooks twitterweek (20090822)

wohlgemerkt: habs als “(die) kompetenznachweiskultur” und nicht als “kompetenznachweis kultur” gelesen … // Textmist #wörter // Strafgefangener darf in Sütterlin schreiben, http://archiv.twoday.net/stories/5888024/, #lbn // RT @frescosecco: «Die abstrakte Vertaktung des Lebens» (ist notiert, #lbn) // nzzs hürlimannputzete http://bit.ly/HD3QM #lbn // new blog post: ins gespaltene Schreiben. (GuU07) http://bit.ly/4Kzh3 // new blog post: Fettschlauch (notula nova 47) http://bit.ly/kCM9f // new blog post: 2007-11-10 vom Grossvater aus Ägypten http://bit.ly/RlL0v // http://www.kompetenznachweiskultur.de/ via http://abgebr.antville.org/stories/1925147/ #lbn // Da! Da steht er wieder. Der Käsehändler. Knicks- und grussbereit. // Ahnungsarchitektur, Zentrum für Politische Schönheit, http://www.politicalbeauty.de/ #lbn // @Spex nach ihrer letzten show @ http://club.badbonn.ch/ musst ich kotzen, so gut wars … // @spalanzani hm. war da das gemeint?: http://www.zeit.de/2009/21/Zeitgeist-21 // @spalanzani ach nee, eher das: http://bit.ly/aW0I5 … joffe hat da wohl so nen kleinen bonmotkanon … // @inadaequat über mich würd ich ja schreiben: “ich mach was mit texten” … #lbn // @inadaequat man geht wieder auf die strasse. online, sozusagen … mehr davon! // @inadaequat fehlt nur noch ein logo … // @inadaequat das kultursemiotisch zusammendenken. “ich mach was mit zeichen” … // @inadaequat aha! “ich mach was mit ∑”, kurz: #imwm∑ … behalten wir mal im auge … http://www.sigma.fm wär ja noch frei … #lbn // … und jetzt schnell noch eine feiste eierspeise … // georg seesslen weblog : http://www.seesslen-blog.de/ #lbn (merci @goncourt) // übrigens: die anschwellende rohrpost-diskussion zum thema entlohnung von praktika im kulturbetrieb. bsp: http://tinyurl.com/mjcnov #lbn // Sie schreibt ihm einen weiteren sehnsüchtigen Brief, den er wiederum nicht beantwortet. #textetrouvé http://tinyurl.com/divenasche // RT @litblogs_net: Matthias Kehles Lyrik-Blog » Nachtrag Falkner + Jackson http://bit.ly/1WXHV // RT @ebel: RT @michelreimon: RT Offenster Brief zum dümmsten Text über das Internet: http://tinyurl.com/rdyc86 #LOL #lbn //

ins gespaltene Schreiben. (GuU07)

Nachmittags einsam, müde, melancholisch, leicht depressiv. Ein Ich läßt sich gehen, sehr angenehm. Bewölkt, diesig, beinahe trüb. Es ist kühl, als käme der Herbst. Holgers Kassette auf der Terrasse gelauscht (ein Zettel im Cover: “Im Flugzeug einlegen und weitere Anweisungen abwarten. Natürlich nie befolgen. Gut zuhören. H.“)

Ich friere, ich falle, ein Tagtraum beginnt:

Anne ruft mich an und wünscht sich, daß ich sofort zurück nach Aachen komme. Sie ziehe in zwei Wochen nach Oregon auf eine Farm und werde heiraten …

“Bist du verrückt?”

Nein, ihr sei es ernst. Sie habe sich schrecklich verliebt und könne nicht anders.

“Dummer Scherz!”

Nein, es sei wahr. Ich solle bitte kommen. Sie wolle mich noch einmal sehen.

“Wer ist der Kerl, der dir das Hirn gefressen hat?”

“Paul.”

“Und was hat der Paul, daß du plötzlich Hühner züchten möchtest?”

“Paul Auster …” Ich lache sie aus.

“Lach nur – aber bitte komm!”

“Wo hast du Paul Auster denn kennengelernt?”

“Nach einer Lesung in Aachen … – ist doch egal! Komm!”

“Einen Scheißdreck werde ich tun, Frau Stabler!” (nun wütend)

“Bitte. Vielleicht sehen wir uns …”

“Hör zu! Ich werde nicht kommen. Pack mein Zeug in Kartons und stell es in den Keller. Ich werde es mir dort abholen. Viel Glück in Oregon mit Paul Auster. Wir werden uns bestimmt wiedersehen …”

“Nein! Bitte komm! Das mit der Wohnung ist nicht das Problem! Er zahlt sie weiter.”

“Mensch! Paul Auster ist aber reich!”

“Hör auf! Ich will dich wirklich noch einmal sehen …”

“Verdammt, dann flieg nach Griechenland!”

(„Bitte!“ – “Nein!” – “Bitte!” – “Nein!“). Als ich den Sprung in der Platte bemerke, sehr spät, Abbruch.

Als gelänge der Traum an einen Horizont, als gerate sein Erzählen ins Stocken. Der Traum weitet sich, das Erzählen wird dünn und dünner, entläßt einen langsam aus seinem Bann. Man hört sich reden, man sieht sich gestikulieren (im Garten auf und ab gehen wie in einem zu kleinen Zimmer). Aus der Figur schlüpft der Schauspieler, der seinen Text vergessen hat. Der unsichtbare, anonyme Souffleur wurde langsam leiser, flüsterte nicht mehr, verstummte.  Man kehrt zurück, findet sich wieder auf einer leeren Bühne, als Zuschauer seiner selbst.

Und dann erinnert man die Tagträume plötzlich wieder als Figur desselben – nur ein kurzes, letztes kostbares Moment vor dem Fall in ein anderes, ins auch äußerliche:  ins gespaltene Schreiben.

Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt erscheint im September 09 bei etkbooks.

Schreiben aber, als wisse man, nicht zu wissen … (GuU06)

In der kalten Küche. Nach einem chimarrão Basteleien an der Struktur und die halbnüchterne Notiz: “Wenn Feininger und Staudenherz sich begegnen, ist einer immer schon tot. Und beide sind sie Zeuge des je anderen Todes, tote Zeugen des Todes.”

Das Leben ist rund – sie drehen sich im Kreis: auf einer unendlichen Linie der Wiederholung, der Grenze des Romans, der geschlossenen Fläche. Unmögliche Geschehnisse, die ohne “dennoch” geschehen. Das Unmögliche wird plausibilisiert, gewinnt “Realität”, “Natürlichkeit”, ereignet sich “plastisch” in Art und Weise des Gewöhnlichen. Der Leser bemerkt alles im letzten Augenblick. Staudenherz hängt tot im Palmenhaus und Feininger geht draußen wieder spazieren im Schönbrunner Park … (der knirschende Kies!)

Zurück. Auf den zweiten Blick. Wieder schweben wir weit oben über dem 14. Bezirk, wieder verfolgen wir den einen, nun nicht mehr irgendeinen Regentropfen im Fall: Er schießt hinab in Richtung des schwarzen Regenschirms, prallt auf die gespannte Fläche, platzt, löst sich auf, verschwindet. Eine kleine Lache rinnt zum Riß, sickert langsam hindurch. Unsichtbar hängt an der Innenseite des Schirms ein Tropfen. Er schwebt über schütterem Haar, fällt auf die nun nicht mehr unbekannte Figur. Dieser Feininger nimmt wieder den defekten Schirm, entdeckt und untersucht das Leck und steht im Regen. Er flucht, ein vorwurfsvoller Blick nach oben. Er flüchtet zum Palmenhaus. Dort nun nicht mehr irgendeine Leiche auf einer Bahre, im schwarzen Plastiksack, auf den der Regen prasselt.

Das letzte Kapitel, mit dem wieder alles beginnt.

Zurück, nach vorne.

Dort ein Prolog, der alles beendet.

Strenge Klammer um ein ahnungsvolles Ganzes. List der Vernunft:  ein starres Gitter, ein Käfig um die Angst. Schreiben aber, als wisse man, nicht zu wissen …

Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt erscheint im September 09 bei etkbooks.

einer unbekannten Schwitterschen Klammer entsprungen. (GuU05)

Gestern Abend im “Le Grand Bleu” gegessen (ein blauer Delphin auf weißem Grund über dem Eingang). Ich wähle einen Tisch am Fenster, mit Blick auf den Hafen. Menü: Mousaka, Oktopus in Rotwein – die winzigen Zähnchen in der gallertigen Soße (kurz an Feininger gedacht: seine Panik nach dem Knirschen, die akribische Untersuchung der harten Tatsachen …) – ein Glas Nemea, Ouzo, griechischer Kaffee, Ouzo, Ouzo …  An zusammengeschobenen Tischen, mir gegenüber, gut 15 deutsche Touristinnen umringen einen Mann. Soziologisch mit großer Wahrscheinlichkeit Grundschullehrerinnen (ein Heilpflanzen- oder Märchenseminar auf Lesbos?). Er, Gatte von Roswitha mit Hornbrille, napoleoneskem Strohhut, orangenem Strickpullover und einem Sonnenbrand, erträgt alles rektorenhaft. Weitere Namen, die geblieben sind: Beate, Marlies, Irene und Ottilie. Alle Mitte fünfzig, Anfang sechzig, viele bunte Seidenschals.

Nach der offiziellen Anmeldung zum Stuhlgang (der Schlüssel wird vom Wirt überreicht – “parakalo!“), endlich auf dem Klo. Dort, auf einem Holzschild, umrahmt von blauen Blümchen und Ranken, handgemalt (jede Wette, von Ottilie) die vertraute Lektüre: “Please don’t throw the toilet paper into the toilet. Thank you.” Dieser Satz erscheint nun dadahaft, aus einer unbekannten Schwitterschen Klammer entsprungen.

Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt erscheint im September 09 bei etkbooks.