ICH in ATH. (GuU02)

Olympic Airways. DUS – SKG – ATH – MJT. No smoking. – Zu Anfang fahrig, unkonzentriert. In Zeitungen blätternd, flüchtig lesend. Nach zwei Stunden eine nervöse Leichtigkeit. Nach etwa drei Stunden jedoch, nach zwei Fläschchen Wodka mit Orangensaft in dünner Luft, seltsame Wahrnehmungsspalten: für Momente die Empfindung, mein Körper verlasse seinen üblichen Aggregatszustand. Erste Verflüssigungen an seinen Rändern, dann flimmernde Ausstülpungen, ihr Dehnen ins Gasförmige. – Ein Irgend-Asiatisches begann zu kichern, in 10.000 Meter Höhe, und konnte, wollte schon nicht mehr aufhören damit. Die pikierten Blicke der hübschen, alten Stewardess – obwohl es sich bemühte, seriös ihr gegenüber zu erscheinen – als ich am Boden, in Thessaloniki, einen weiteren Drink bestellte („Mylady, hello! Would you please … – epharistó!“)

Zuletzt irrte es durch den neuen Athener Flughafen, Eleftherios Venizelos, ein animiertes Architekturmännchen unter vielen, unterwegs in diesem real gewordenen Modell. Es fand meinen Vornamen („Rainer! Schluß jetzt!“) und einen Platz zum Rauchen. Als er da endlich saß, bewegungslos in einer offenen Bar, in einer Nische des langen, breiten Korridors, wurde sein Körper wieder scharf gestellt. Er war zurückgekehrt, schien beinahe wieder anwesend an jenen Orten, die mit drei Buchstaben zu bezeichnen, abzukürzen, wir übereingekommen sind: ICH in ATH.

Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt erscheint im September 09 bei etkbooks.

Jede Erinnerung vergeht, bleibt einmalig, im Nu. (GuU01)

Im Lichtkegel einer Laterne sitze ich noch eine lange

Weile vor dem nächtlichen Meer. Draußen, an einer

Grenze, still aus glattem Schwarz, entsteht, springt

zum ungezählten Mal jenes nervöse Weiß. Es nähert

sich, beginnt leise zu plätschern; und verschwindet

kurz vor meinen nackten Füßen im beleuchteten Sand.

Draußen, an einer Grenze, still aus glattem Schwarz …

Nennen wir es augenblickliches, erstes Schreiben, erste Sprache der Erinnerung – ihre grünen Früchte … 

Momentum: das Noch-Nicht-Geronnene – als suche, beginne das Schreiben, gerade jetzt eine Form zu finden, oder als dürfe, könne es selbst bleiben, verharren, einen Augenblick in der unendlichen Fülle, in der Brüchigkeit und Flüchtigkeit seines Stoffs: sich fremd in dessen Ungestalt.

Die Zeit – kurz nach dem Ereignis, den Zwischenfällen, Begebenheiten, nahe ihrer Wahrnehmung, ihrer Beobachtung. Die Zeit – kurz vor der Ablagerung, Verschüttung oder gar ihrem Verschwinden. Die Zeit vielleicht noch vor der Skizze.

Nicht der Stoff im Hinblick auf ein Thema, Motiv. Belanglose Folge. Ohne Absicht, ohne Zweck, ohne Linie – sein Eigensinniges und Eigentätiges: sein Zufälliges, Unbändiges, Diffuses.

Nicht der Glaube an die Freiheit (oder gar Unschuld) dieses Augenblicks – der Wille zum Unmittelbaren erliegt zuerst dem Zwang. Das Unmittelbare – seltsames Begehren, merkwürdig fixe Idee – flieht unserem Bewußtsein immer schon voraus in die Unendlichkeit … 

Der Glaube aber an die Neugier der Sprache – auf die Leichtigkeit der Ordnung, die dunkle Organisation des Erinnerns, die Ästhetik seiner Augenblicklichkeit.

Ich berichte nicht. Ich analysiere nicht. Ich eigne mir nichts an. Ich liefere mich aus … – einer unmöglichen Erzählung des Erinnerten. (Ihre Unmöglichkeit ließe sich definieren, über folgenden Ort: eines Schreibens ausschließlich von innen her.)

Vor diesen wenigen Pfählen am Abgrund beginnen. Den wahnwitzigen, den paradoxen Versuch, inmitten eines jungen Erinnerns teilnehmend nachzubilden, wie dort verwandelt geschieht, was geschah. Und daher niemals so geschehen ist. Jede Erinnerung vergeht, bleibt einmalig, im Nu. (Klappentext)

Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt erscheint im September 09 bei etkbooks.