Zur Arbeit am lektorierten Manuskript

(Dranmor, MV4)

Der Arbeitsauftrag, der sich aus dem Lektorat von S.J. ableiten lässt, ist sehr übersichtlich. Die Korrekturen im Manuskript halten sich – wider Erwarten – in Grenzen und die Anmerkungen sind überschaubar. Dort mit Canetti in Verbindung gebracht zu werden, lässt fast ein wenig erröten, ist mir aber auch schon ein bisschen bei der ersten Niederschrift aufgefallen. Während dieser Phase hatte ich mich tatsächlich auch ein wenig mit der Blendung beschäftigt.

Wie weiter? Ich werde also nun zunächst die Korrekturen, wo nötig, übertragen. Das Kapitel 1.12 – das erste Exzerpt aus der Sekundärliteratur, das metaphorisch die Brasilien-Teleologie vorweg nimmt, ist wohl etwas zu lang geraten und muss eingedampft und pointiert werden. Wie richtig bemerkt, fällt auch der grösste Teil des Barcelona-Kapitels (K.6) stilistisch aus dem Rahmen. Hier muss tatsächlich verdichtet werden.

Die Parallele Ichwelt > Brasilien (Dranmor) und Ichwelt > Barcelona (Icherzähler) möchte ich als alternativen Fahrplan aber schon so angelegt wissen. Hier werden einige biographische Realien Dranmors verhandelt. Modernisiert, könnte man vielleicht sagen.

Zur Namensgebung: natürlich sind die Personalnamen auf erste Sicht schwere Winke mit dem Zaunpfahl. Es ist aber nicht nur Anagrammatisches und Zeichenspielerisches. Dass der Widerpart (so sehr wider ist er nun auch nicht) Roman heisst, lenkt auch auf einen Gattungsdiskurs. Dass die Welt des Romans als Roman benannt wird, der aber mit vielen Romanentwürfen strukturell bricht – ich will ja nicht sagen, dass ich da der einzige bin, der damit gearbeitet hat, man denke da an Arbeiten jüngster Zeit von Ernst W. Händler oder Reinhard Jirgl – das steckt so in etwa dahinter. Warum sollte man es nicht so benennen?

Und Fernando als Variante zu Ferdinand, dem Realnamen Dranmors – naja, wo alles doch so fern ist. (So ein Wortspiel läge ganz im Geschmacke Dranmors. Man denke hier auch an die mehrschichtige und spekulative Rezeption und Auslegung seines Künstlernamens … Im Übrigen hat sich Dranmor alias Ferdinand Schmid in Brasilien selbst Fernando genannt. Davon zeugen diverse Publikationen. Man kann das vielleicht, nein, man muss es als Auseinandersetzung mit dem Selbst lesen.)

Und zu dem letzten Kapitel, das sich aus Metatexten zusammensetzt: dafür habe ich immer noch keine Lösung gefunden. Vielleicht doch als Kommentar- oder Kopfzeilentext? Vielleicht sogar als Fussnotentext? Oder an den jew. Anfang oder das Ende eines Kapitels? Es würde so die freie Lektüre einschränken und einen Plot festnageln, den ich ursprünglich nur als sozusagen kontingentes Element am Ende anbieten wollte.

So oder so bleibt viel zu diskutieren, und das wohl erst Ende März. Was mir andererseits genügend Raum gibt, mich mit den obigen Arbeiten zu beschäftigen …

Vom Lektorat (Dranmor, MV4)

Gestern erreicht mich eine Rückmeldung meiner Lektorin, die ich ungekürzt unten einstelle. Ich bin sehr erleichtert und erfreut, was das Gesamturteil angeht – offensichtlich scheint der Text zu funktionieren. Und Luft genug, weiter an dem Manuskript zu arbeiten, vor allem an den zu Recht genannten Punkten, ist auch wieder da. Also warte ich auf den bearbeiteten Manuskriptausdruck und bin ab nächster Woche wieder ganz Dranmor.

Es mag arg konstruiert klingen: aber auf einem der vielen Zettel, die mit Notizen etc. vollgeschrieben sind zu Dranmor, findet sich das eilig aus Canettis “Fackel im Ohr” geschriebene Zitat von der “Dignität des Irreseins” …

Und: Wow. Ich glaube selten einen Roman gelesen zu haben, der mich so geradezu physisch in Mitleidenschaft gezogen hat, und ihn einmal zu lesen erscheint mir geradezu ungerecht … Das, wovon ich lese, scheint zum geradezu selbst Erlebten zu werden. Am tiefsten greift die Einsamkeit, das Abhandenkommen, das Irrewerden. So viel zu nahe mir ICH tritt, so entvölkert bleibt der Roman in Bezug auf das andere Personal. Das bleibt seelenlos, nur formuliert. Und zugleich schaut man auf ICH, auf seine beginnende Verwahrlosung, vor allem am Anfang, insbesondere durch die – freilich wiederum von ICH wiedergegebene – Perspektive der anderen “Figuren”. Aber ich blieb während des Lesens immer in der Ungewissheit, wer oder was Phantasie, Alter Ego ICHs ist – oder eben, auf der fiktionalen Ebene ICHs, real. Oder: schreibt man so einen (fiktionalen) Roman, in dem alles nur Fiktion ist, selbst in der Fiktion?

Ich jedenfalls war einem ständigen “Ebenenwechsel” unterworfen, hin und her, hoch und runter. Ich las den Text mal so, mal so. Man wohnt der auch alles auflösenden und zerstörerischen Kraft allen Kreativen und Intellektuellen bei, geradezu mit- und einfühlend in den Protagonisten, um sich sogleich wieder mit kühlem Blick in einem exemplifizierten poetologischen/erzählteoretischen Diskurs zu wähnen…

(Und großartig dieses Ende, dass einen so hilflos auf den Anfang wirft…)

Aber das sind nur ein paar wenige! dahergeplauderte Aphorismen zu dem Text… Jetzt vielleicht zu dem, womit ich mich nicht so wohl gefühlt habe…

Zunächst halte ich die Positionierung der “Metakommentare” am Ende des Textes (auch wenn das Ganze sich dann ja zum Schluss wieder vereint, bzw. an den Anfang weist) für problematisch. Und das schlicht aus Gründen der Lesepraxis (sprich: man muss immer hin- und herblättern). Ich weiß natürlich nicht, ob Du Dir da noch eine andere Lösung gedacht hast, was wirklich gescheites fällt mir da leider auch noch nicht ein…

Probleme hatte ich des weiteren mit Kapitel 1.12: Mir ist nicht klar geworden, was das da soll – abgesehen davon, dass ich den Text schlicht nicht verstehe – vielleicht weiß ich deswegen nicht, was das da soll.

Die Barcelona-Episode fügt sich für mich auch nicht so recht in das Gesamte. Fernando spricht wohl von der “Paris-Erfahrung”, die nun hier in Barcelona für ICH stattfinde, aber was ist genau damit gemeint? Sicher, ICH offenbart sich (oder er glaubt das zu sehen), dass SIE ein Kind hat, das möglicherweise von IHM ist, und im weiteren befinden sich dann ja auch die Aufzeichnungen zu Dranmor und seinem Kind, wo sich dann die Parallelen auftun. (Und: Fernando, natürlich! aber dazu bzw. zu den Namen gleich mehr). Um es kurz zu machen: mir erschloss sich nicht so ganz der Sinn des ganzen, ich dachte, man könne es vielleicht ein wenig “verdichten”.

Nun zu den Namen: Roman, Fernando, Professor Norma. Hierbei beschlich mich immer das Gefühl eines winkenden Zaunpfahls von stattlicher Größe… Muss das sein? Und wenn ja: warum?

Nun noch ganz Praktisches:

Ich denke, der Gebrauch des “ß” sollte nicht vermieden werden. Wenn es eine sinnvolle Regel der neuen Rechtschreibreform gibt, dann meiner Meinung nach diese, weil sie dem Tempo des gesprochenen Wortes und damit seinem musikalischen Wert “nachfühlt”. Ich hab mir erlaubt, dies im Text, wenn es mir auffiel, zu korrigieren. Ansonsten füge ich noch eine Liste der meistgebrauchten Wörter an, die man dann einfach so ersetzen kann – bei Bedarf.

Über die Kommas haben wir ja schon gesprochen. Hier sind meine “Korrekturen” freilich nur als Vorschläge zu verstehen (wie alle Anmerkungen), aber nichtsdestotrotz glaube ich, es wäre ganz gut, wenn Du den Text daraufhin noch mal durchsehen würdest, da dies nur Du entscheiden kannst. Desweiteren ist mir bisweilen ein mir nicht immer ganz einsichtiger schwankender Gebrauch des Präsens bzw. Perfekts aufgefallen. Auch das wäre vielleicht noch mal zu prüfen.

So. Und mir fallen bestimmt noch viele Dinge ein. Am besten wäre natürlich und sowieso eine “live“-Sitzung, die sich freilich im Moment nicht machen lässt. Aber anrufen, schreiben etc. kannst Du natürlich jederzeit! Und ich denke ja, dass wir uns dann im März sehen?

Das Manuskript mit den Anmerkungen schicke ich Dir dann zu, doch leider hat sich Deine Visitenkarte versteckt, sodass ich Dich bitte, mir doch noch mal Deine Adresse zu senden.

Liebe Grüße und auch Dank für die “Sternstunden” in meinem Halbtagslektorinnendasein.

S.

außer, außen…

bloß…

draußen…

fließen…

Fuß…

groß, Größe…

Gruß, grüßen…

heißt, hieße …

ließ, ließe…

schießen…

schließen, beschließen, schließlich…

Spaß …

Straße …

weiß…

dranmor lektüren I

(komma, gefühltes)

hab ichs schon erzählt? seit ein paar tagen wird dranmor (vor)lektoriert. eine freundin und professionelle lektorin in köln nimmt sich seiner an. konsequenterweise werde ich etwas in dieser rubrik darüber berichten. obwohl wir beide übereinkamen, dass sie sich dem text mit sowenig wie möglich vorwissen und informationen nähern will, gibt es doch vorab ein paar dinge zu klären. aus einer email:

Lieber Hartmut,

so, nun habe ich endlich mit Deinem Manuskript begonnen! Inhaltliches bespreche ich freilich lieber erst, wenn ich ganz durch bin. Aber eines würde ich gern schon klären: Deine Kommasetzung ist – wenn man’s jetzt mal streng grammatikalisch nimmt – teilweise falsch. Meine Unsicherheit als Leserin besteht nun aber darin, dass diese – „falsche“ Kommasetzung inhaltlich durchaus Sinn machen kann, sich ja auch der gegebenen Rhythmik des Textes und dem ohnehin oft Fragmentarischen/Zerbrochenen der Sätze einschmiegt und somit von Dir möglicherweise sehr bewusst eingesetzt wurde? Vielleicht kannst Du mir dazu mal was sagen. Ich mach’s jetzt erst mal so, dass ich mit Bleistift am Rand „korrigiere“. So kannst Du dann überlegen, wie Du da verfahren willst.

Desweiteren habe ich mit einem befreundeten Lektor gesprochen über Veröffentlichungsmöglichkeiten, Ansprech- partner etc. Er hat mir – also Dir – empfohlen, Dich an einen Agenten zu wenden. Genauer an XXX, Köln, der wohl für Deinen Fall der Richtige und absolut integer sein soll. Er hatte gerade nur die Telefonnummer zur Hand (xxxx/xx xx xx xx), weiteres wird sich wohl recherchieren lassen. (…)

Ich hoffe, Ende nächster Woche fertig zu sein. Die nächsten Tage muss ich leider an einem anderen, ganz furchtbar eiligen Manuskript arbeiten. (…)

es ist in der tat so, dass ich mich nur wenig um die regulierte zeichensetzung gekümmert habe (vgl. auch hier); ich bin da sowieso nicht mehr auf dem neuesten stand. nach dem ganzen trara um die neue rechtschreibung, wende ich da nur noch ein privates regelsystem an. was die rhythmik (s.o.) angeht, so orientiert sich die setzung tatsächlich stark an dieser. ich habe das bei meinem rückruf (sie war leider nicht zuhause, also habe ich ihr zweimal das band vollgeplaudert) als gefühltes komma bezeichnet, bzw. von einer gefühlten kommasetzung gesprochen, die öfter auch – weniger dem duden, sicher aber – der satzmelodie gerecht wird. (btw: den begriff der g.k. kann man leider nicht patentieren lassen, wie eine googlerecherche ergab). ich verlasse mich da ein bisschen auf ihr gespür. gravierende fehler will ich natürlich getilgt wissen, im zweifelsfall wäre ich aber für eine setzung zugunsten der im text veranlagten rhythmik. (um bei manchen stellen etwas mehr klarheit zu gewinnen, kann man, wie ich das auch versucht habe, den text langsam laut lesen …).

Dranmor Korrespondenz 6

aus einer Email von R.R., auch betreffend diesen Beitrag.

Lieber Herr Abendschein,

jedesmal, wenn Sie von Ihren Arbeiten an Dranmor schreiben, wird ein eigenartig intensiver Gedankengang in mir hervorgerufen. Es ist wahrscheinlich so eine Art Vorfreude auf Ihr Buch und Neugierde natürlich auch.

Da gibt es aber andererseits ein Überlegung, die mich nicht loslassen möchte und deshalb denke ich, ich teile Ihnen diese einfach mit: Ich frage mich, wie andere Menschen auf Ihren Roman, so wie er hier vorliegt, reagieren werden.  Diejenigen, die Ihr Weblog kennen, haben eine Ahnung von dem, was Dranmor inhaltlich bedeutet und aussagt.

Aber ich muss gestehen, dass meine erste Begegnung mit Dranmor sehr befremdend war. Ich dachte an sehr komplizierte Aussagen, die ich nie verstehen würde. Ich denke, dass man, wenn man so dem Buch begegnet (ohne je etwas davon gehört zu haben) eher an etwas Technisches oder Historisches denken wird, aber eigentlich nicht an eine literarische Schrift.

Ist es nicht so, dass äusserlich ein Buch zuerst anziehen muss, so dass man darauf aufmerksam wird?

Ich denke, eine zweite Über-, Unterschrift, die den tatsächlichen Inhalt beschreibt, sei sehr wichtig…!

Aber wie bereits erwähnt, es ist eben nur ein intensiver Gedanke. Auf keinen Fall würde ich mich in Ihre Arbeit einmischen wollen – dafür schätze ich sie viel zu hoch!

Liebe Frau R.

Sie sprechen da ein paar wichtige Punkte an und ich bin da ganz ihrer Meinung. Als ich das Bändchen das erste Mal in Händen hielt ist mir eine frappierende Ähnlichkeit bspw. mit Dissertationen aus dem Fink-Verlag aufgefallen. Obwohl vorne explizit “Roman” steht, hat die jetzige Gestaltung, optisch wie auch den Titel betreffend, wie Sie sagen etwas Technisches/ Wissenschaftlich- Historisches und könnte abschrecken, obwohl die Montage (das Konterfei Dranmors wird von einer Schreibmaschine aufgesogen bzw. überschrieben) vielleicht auf den Weg schickt, dass es hier eben um Fiktion geht, um metafiction, wenn man so will. Aber man muss das vielleicht noch mehr kennzeichnen.

Hier habe ich mir schon einmal Gedanken gemacht, das aber nicht weiter verfolgt. Es ist ja noch ein bisschen Zeit. Aber sicher ist, das muss auch noch diskutiert werden … Herzliche Grüsse, H.A.

Dranmor, MV3, als Band vorgestellt

So also könnte ein Bändchen aussehen, vor mir der unlektorierte, unkorrigierte, aber zur Befeuerung der Phantasie schon einmal in Form gestellte Dranmortext – die weiter zu bearbeitende Manuskriptversion 3.

Aber das Anfassen, Blättern, Gleiten; das Prüfen, ob die Struktur hält – gelingt vielleicht nur und auch oder ergänzend: haptisch.